Aliens, Satan, CIA! Wir gläubigen Verschwörungstheoretiker?

Es war einmal ein arbeitsloser Koch, der eines Tages, im Jahr 2016, bei dem bekannten TV-Talker Domian anrief, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass unser blauer Planet Erde nicht rund, oder ein Rotationsellipsoid ist, wie von Physik und Wissenschaft angenommen, sondern flach und an den Grenzen von Eismassen umgeben. Diese Theorie überraschte Domian wie auch seine Zuschauer, weshalb der Beitrag schnell die Runde machte.

Der fortan in den sozialen Medien unter dem Namen „Flach-Erdler“ bekannte Anrufer, wurde über Nacht berühmt und durfte anschließend sogar im Sat1-Frühstücksfernsehen auftreten. Trotz Versuchen, ihn mittels Verweisen auf die horizontale Krümmung der Erde, Fotos aus dem Weltraum und geografischer Erkenntnisse zurechtzuweisen, ließ sich der Mann nicht davon abbringen, dass seine einjährige Recherche im Internet eindeutig aufzeigt, dass die Erde flach sei. Die Erde ist eine Scheibe? Was oft als geflügeltes Wort verwendet wird, um veraltetes Wissen oder überholte Bildung anzuzeigen, wird bei Vertretern von Flach-Erde-Theorien zu einer besonderen Wahrheit, der es gilt Gehör zu verschaffen. Aber ist diese Theorie überhaupt eine Theorie, die sich folglich nach wissenschaftlichen Kriterien grundsätzlich widerlegen lassen kann, oder ist es eine Überzeugung, eine Art alternative Weltdeutung, die versucht mit pseudorationalen Argumenten Anhängerschaft zu erzeugen? Was hat es auf sich mit sogenannten Verschörungstheorien und artverwandten Begrifflichkeiten? Im säkularen Zeitalter mit einer Vielfalt an rationalen wie emotionalen Weltdeutungen, verschiedenenen Arten konkurrierender wie kooperativer Weltbilder aus Wissenschaft, Politik, Religion und Alltag, erscheinen Verschwörungstheorien als komplexes Thema, das nur Naive schnell ins Reich des Wahnsinns oder der Ammenmärchen verdammen.

Begriffe – mehr als nur „Verschwörung“?

Was macht alternative Welterklärungen zu „Verschwörungstheorien“? Schließlich sollte einer Theorie über Verschwörungen auch eine solche zugrunde liegen, an welcher bestimmte Menschen bis Akteure beteiligt sind, die für sich ein besseres Wissen oder die Wahrheit über Mensch, Gesellschaft und Welt besitzen, um diese zu manipulieren, zu beherrschen oder gar zu vernichten.  Die Bandbreite reicht dabei von Geheimbünden wie den Illuminaten oder Freimaurern, über Geheimdienste wie die CIA oder den Mossad bis hin zu einer Weltregierung, Außerirdischen oder dem großen, bösen Satan. Es sind zumeist „Agenten des Bösen“ (Wolfgang Wippermann) beteiligt, deren finstere Machenschaften von den Alternativen Theoretikern aufgedeckt und gegen die scheinbaren öffentlichen Versionen ins Feld geführt werden.

… irgendeiner Gruppe im Hintergrund jedenfalls, die heimlich alles plant und steuert. So lautet das übliche Narrativ der Verschwörung: Nichts ist, wie es scheint. (Michael Butter, die ZEIT, Interview)

Der Tübinger Amerikanist und Koordinator des Forschungsverbundes zur Komparativen Analyse von Verschwörungstheorien (COST), an dem 150 Wissenschaftler aus über 60 Ländern beteiligt sind, Michael Butter, hält es mit dem Begiff „Verschwörungstheorien“, denn von „Verschwörungsideologien“ zu sprechen würde das Anliegen einer theoretischen Erklärung völlig außer acht lassen.

Manche Kollegen sprechen lieber von Verschwörungsideologien, weil sie die Urheber nicht mit dem Theoriebegriff adeln wollen. Ich halte ihn aber für angebracht. Wie Wissenschaftler versuchen Verschwörungstheoretiker, Ereignisse in der Vergangenheit zu erklären und Vorhersagen für die Zukunft zu treffen. (Michael Butter, Spiegel, Interview)

Selbstredend müssten sich Verschwörungstheorien, um wissenschaftliche Theorien zu sein, falsifizieren lassen, sprich die Möglichkeit einer Widerlegung müsste gegeben sein. Gerade diese Widerlegung ist jedoch fester Bestandteil der Verschwörung, denn je solider die Gegenargumente sind, oder je mehr Fakten präsentiert werden, umso raffinierter wird die eigentliche Verschwörung ausgemalt, auf welcher die Theorie aufbaut. Der Mainzer Sozialpsychologe Roland Imhoff verbindet diesen Hang zur Theorienbildung mit einem Kampf gegen den Zufall, denn nur, wenn Verhalten und moralische Bewertung nicht dem Zufall überlassen werden, ist potentielle Abhilfe denkbar. Seien es Erdbeben, Finanzkrisen, Revolutionen oder Kriege, immer braucht es Schuldige, Verursacher und so gesehen eine Kausalität, die sich erklären lässt.

Wenn es eben nicht Zufall ist, dass sowas passiert, sondern die Amerikaner mit ihrer Harp-Kanone in den Ozean Radiowellen geschossen haben, die dieses Erdbeben ausgelöst haben, dann gibt es zumindest potentiell die Möglichkeit in der Zukunft, solche Wiederholungen abzuwehren, indem man die Verschwörungen offenlegt und damit das verunmöglicht, dass die weiterhin die Geschicke der Welt so lenken. (Roland Imhoff, Deutschlandfunk, Beitrag).

Auf einen ersten Blick sind es einfache Wahrheiten, wenn die Mondlandung der Amerikaner in einem Filmstudio stattgefunden haben soll, die Anschläge auf das World Trade Center 2001/09/11 von der US-Regierung oder dem israelischen Geheimdienst selbst durchgeführt wurden, oder die Banken- wie Finanzkrise von 2008 auf das Konto der Illuminaten gehen soll. Ein dualistisches Schema auf der Seite des Verhaltens (Krise/Aggressor) wie der moralischen Bewertung (Gut/Böse) verheißt eine schnelle Erklärung. Der Religionswissenschaftler Michael Blume spricht sogar von einem „pathologischen Dualismus“. Allerdings werden die Erklärungs- und Rechtfertigungsmuster immer komplexer, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wird das als „Shapeshifting“ benannte Augenaufschlagen faktisch erklärt, bei dem sich Wirtschaftsführer , Schauspieler und Politiker mittels verlangsamten wie vergrößerten Filmaufnahmen nur scheinbar als Echsenmenschen entpuppen, da es auf Lichtreflexionen, Auflösungsfehlern oder sogar Retina-Erkrankungen beruht, müssen schnell andere Erklärungen her. Schließlich könnten die Reptiloiden auch selbst die sozialen Medien nutzen und Lügen streuen, dass alles scheinbar rein physikalisch oder medizinisch erklärt werden kann. Aber sind sie nicht eindeutig sichtbar, die spaltförmigen Reptilienaugen? Wer traut schon seinen Sinnen nicht?

Für Michael Blume sind „Verschwörungsmythen“ und ein darauf aufbauender „Verschwörungsglauben“, jedoch weniger theorielastig, denn für ihn lassen sich religiöse Bezüge herstellen, die gar nicht nach einer rationalen Belegung oder Widerlegung verlangen. Es muss unterschieden werden, zwischen Theorien über Verschwörungen, die sich belegen lassen, und denjenigen, die es nicht tun. Schließlich gibt es Skandale, wie Watergate, die Behauptung, dass der Irak unter Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge, Absprachen in der Wirtschaft, Vertuschungsversuche wie die Diesel-Affäre, oder die auf Bestechungsgeldern beruhende WM-Vergabe an Katar, die allesamt auf belastbaren Hinweisen bis Beweisen beruhen. Ohne eine kritische Einstellung den offiziellen Versionen und Erklärungen gegenüber, könnten viele Missstände nicht aufgedeckt werden. Es geht also nicht darum, nicht an Verschwörungen zu glauben, sondern diese zu entdecken, aber nicht selbst herzustellen.

Grundsätzlich ist ja das Problem, dass Verschwörungstheorien widerlegbar wären, also, eine Theorie kann man überprüfen und widerlegen. Womit wir es hier zu tun haben sind Verschwörungsmythen. Das heißt, die Leute glauben das, auch wenn es gar keine Belege dafür gibt, und dann wird es tatsächlich ein Problem. Denn dann kann man es nicht widerlegen.(Michael Blume, Deutschlandfunk, Interview)

Mythen hingegen leben davon, dass sie erzählt, verändert, ausgeschmückt und geglaubt werden. Dabei ist eine beliebte Konstruktion, die der „Bösen Welt“, die auf gnostisch-dualistische Mythologien zurückgeht. Wie kann es sein, dass die unvollkommene Welt, die sterblichen Wesen und die von viel Leid wie Krisen geplagte Gesellschaft durch Zufall, gute Götter oder einen Sinn zu erklären ist? Stattdessen müssen es böse Mächte oder dunkle Götter sein, die in Wahrheit diese Welt beherrschen und alles Unvollkommene, Unfertige, Kontingente wird damit erklärt, dass es nun einmal einen Dualismus gibt, der alles bestimmt und dessen Verhältnisse aufdeckt werden müssen. Zugleich können sich die Verschwörungsgläubigen sicher sein, auf der richtigen Seite zu kämpfen, über besonderes Wissen zu verfügen oder schlichtweg Sinn in allem vermeintlich Schlechten zu sehen. Je mehr sich die Komplexität der Welt reduziert, desto komplexere Züge nimmt der Mythos der Verschwörung an.

Der gnostische Mythos, Teil einer kleinen, vermeintlich erkennenden Elite zu sein, die sich über den naiven Mainstream hinaus gegen die Superverschwörer erhebt, vermag kurze Zeiten der Spannung und Gemeinschaft unter Gleichgesinnten zu stiften, jedoch kaum dauerhaft gelingendes und glückliches Leben. (Michael Blume, Herder-Korrespondenz, Essay)

Hieraus jedoch einen „fehlgehenden religiösen Glauben“ zu sehen, ist wiederum eine Komplexitätsreduktion, die von einem Dualismus wahrer wie falscher Religion geprägt sein kann. Schließlich ist es immer auch eine Strategie gegen alternative Erklärungen, Opposition und Minderheitenmeinungen gewesen, dies als essentielle Fehlleistungen oder Verirrungen abzutun. Blume macht es sich hier zu einfach, wenne er eine scheinbare Kausalität zwischen Ursache und der eigentlich problematischen Wirkung setzt: Einem dualistischen Glauben und dessen radikalen bis gewaltsamen Auswüchsen. Bei dem Begriff „Verschwörungsglauben“ fehlt das grundsätzlich positive Pendant, das eben nicht einfach aus monotheistischen Religionen oder humanistischen Ethos bestehen kann. Blume möchte die Spreu vom Weizen trennen, indem er radikale und gewalttätige Formen von Verschwörungstheorien zum Anlass nimmt, um diese als grundlegende Eigenschaften von diesen auszuweisen. Dann und wohl nur dann, hätte die Rede von eher neutralen „Verschwörungsmythen“, die sich dann zu einem radikalen „Verschwörungsglauben“ hinreichenden Sinn.

Denn ob links, rechts oder religiös: Ausnahmslos alle extremistischen Bewegungen verstehen sich heute als Opfer globaler Verschwörungen und rechtfertigen „Widerstand“ bis hin zur menschenverachtenden Gewalt stets als entsprechende „Notwehr“.(Blume, Herder-Korrespondenz, Essay)

Ob diese Art von Verschwörungstheorie, die schließlich auch in eine radikale bis gewalttätige Praxis ausartet, schließlich als analytische Kategorie oder nicht eher als analytische Form geeignet ist, gilt es zu diskutieren. Das Problem zwischen einer offiziellen wie anerkannten und einer skeptischen bis verschwörungstheoretischen Position ist schließlich wiederum nicht durch eine Differenzierung von Glaubenssystemen, sondern einzig durch die Bereitschaft zur Revision, Korrektur und Wiederlegung einzuholen. Mag also für religiöse oder religionsgeschichtliche Problematiken ein „Verschwörungsmythos“ mit folgendem „Verschwörungsglauben“ erhellend sein, ist er es für das gesamte Feld komplexer Verschwörungstheorien weniger. Schließlich sind die sozialen Funktionen, die Verschwörungstheorien erfüllen, weitreichend.

Funktions-Faustregel: Psychosoziale und politische Funktionen von Verschwörungstheorien

Die Frage nach dem Sinn und Zweck von Verschwörungstheorien ist nicht einfach zu beantworten, denn die Befunde sind unterschiedlich. Während der Psychologe Sebastian Bartoschek vor allem Sinnstiftung- wie Struktur betont, will Roland Imhoff, Professor für Sozialpsychologie, mehr Distinktionsgewinne erkennen, da Kontrolle und Selbstwerterhöhung eine größere Rolle spielen. Verschwörungstheoretiker verfügen für sich genommen über ein besonderes Wissen, welches sich sogar als eine Art „Erleuchtung“ über allgemeine wie fachliche Verständnisse erhebt, da offizielle Versionen Teil eben jener aufgedeckten Verschwörungen zu sein scheinen.

Er ist sozusagen erleuchtet [der/die Verschwörungtheoretikerin,], durchschaut die Zusammenhänge in der Welt. In der psychologischen Literatur nennen wir das das Bedürfnis nach Einzigartigkeit.(Roland Imhoff, SRF, Beitrag)

Hilfreich könnte folgende Funktions-Faustregel sein, die grundsätzlich fünf idealtypische „Funktionsfingern“ bezüglich Verschwörungstheorien veranschaulicht: Verschwörungstheorien bieten Sinn (Zeigefinger), Schutz (Mittelfinger), Selbstwerterhöhung (Ringfinger), Simplifizierung (kleiner Finger) und Strategie (Daumen). Je nachdem welcher Typ oder Kontext einer Verschwörungstheorie vorliegt, können für diese verschieden ausgeprägte wie bedeutsame idealtypischen Funktionen vorliegen. Eine in einem Wahlkampf geäußerte Verschwörungstheorie, dass Ex-Präsident Barack Obama gar kein gebürtiger Amerikaner sein würde, dass „alle Wege des Marxismus nach Moskau führen“, oder an der Lebensmittel- und Versorgungskrise in Venezuela dieser Tage, allein die Opposition und internationale Kapitalisten schuld seien, dürfte mehr strategischer wie simplifizierender Natur sein. Hingegen bieten Erkenntnisse über die flache Erde, erzwungene Impfkampagnen der Pharmaindustrie oder die Reptiloiden als wahre Weltherrscher, dem Leben einen gewissen Sinn, erhöhen den Wert des eigenen Wissens und schützen vor dem Zufall und einer all zu komplexen Welt. Die psychosozialen Funktionen von Sinngebung, Selbstwerterhöhung und Schutz vor Kontrollverlust sind nicht von der Hand zu weisen, wenn Verschwörungstheorien vor allem als Krisenhermeneutik davor bewahren, dass in Zeiten von Unsicherheiten oder Krisen ein Erklärungsdefizit entsteht.

Für denjenigen, der an sie glaubt ist es erstmal so, dass Verschwörungstheorien natürlich ein Sinn- und Erklärungsangebot machen: Man versteht auf einmal, wie die Welt wirklich funktioniert, alles nimmt Bedeutung an, es gibt kein Chaos, kein Zufall, keine Kontingenz mehr. […] Genau, Zeiten von Unsicherheit, Zeiten von Umbrüchen, Zeiten von Revolutionen. Einfach Zeiten, wo sich Dinge ändern, wo die Welt, wie wir sie kennen, radikal anders wird, weil genau in diesen Momenten natürlich so ein Erklärungsdefizit entsteht, das man durch Verschwörungstheorien dann relativ leicht füllen kann. (Michael Butter, Deutschlandfunk, Interview)

Gemäß der Redensart, „gibst du mir den kleinen Finger, nehme ich die ganze Hand“ müssen jedoch immer alle idealtypischen Funktionen beachtet werden, denn Mischformen oder multiple Kontexte können vorliegen. Es ist nicht gesagt, dass die medialen Multiplikatoren von Verschwörungstheorien keine strategischen finanziellen Interessen verfolgen, wenn sie mit vermeintlicher Aufklärung auch für ihre Angebote werben, während Interessierte und Anhänger durchaus von den alternativen Erklärung überzeugt sein können und diese nicht nur unterhaltsam aufnehmen (siehe unten). Beispielsweise beschreibt die Kölner Kriminalpsychologin Lydia Benecke, die das Phänomen von Satanssekten wie Ritualmorden und deren faktischer wie verschwörungstheoretischer Präsenz untersucht hat, wie auch in Fachkreisen Verschwörungstheorien um sich greifen können.

Im Jahr 2013 hörte ich mir während eines deutschen Kongresses für Forensiker den Vortrag von Ursula Caberta an, die behauptete, es gäbe Satanistennetzwerke, die organisiert Menschen töten und Kinder missbrauchen. Sie zog seltene, einzelne Kriminalfälle von offenkundig schwer psychisch gestörten Menschen, die keinesfalls wegen einer “organisierten Satanssekte”, sondern wegen ihrer psychischen Störungen Täter wurden, als Belege für ihre Verschwörungstheorie heran. Das Ganze gipfelte in ihrer Behauptung, die Gothic-Szene und die Real-Life-Vampyr-Szene (beides UNTERSCHIEDLICHE Subkulturen) würden quasi zur “Rekrutierung” für Satanisten dienen. (Lydia Benecke, Hoaxilla, Zitat)

Was ist nun die eigentliche Verschwörung? Dass es wirklich satanische Gruppen gibt, die Kindesmissbrauch und Ritualmorde begehen, oder dass Amtsträger, Therapeuten und Journalisten hier die eigene Arbeit adeln, indem sie aus faktischen Einzeltätern oder harmlosen subkulturellen Strömungen eine Bedrohung für die gesamte Gesellschaft stilisieren? Beneckes Beobachtungen zeigen wohlgemerkt nicht, dass sich keine kriminellen Netzwerke oder Gruppen bilden können, wie erst kürzlich die Zerschlagung der kinderpornografischen Elysium-Plattform deutlich machte, sondern dass Theorien über Verschwörungen selbst wiederum Verschwörungstheorien sein können. In einem Kontext von Halbwissen, Verdächtigungen, medialen Inszenierungen und bürgerlich-moralischen Ängsten vor vermeintlichen Satanisten, kann es passieren, dass ein moderner Satanismus konstruiert wird, der ursprünglich als Geschäftsmodell, Stichwort Anton Szandor (Howard Stanton) LaVey, beginnt und mehr und mehr zu einer alternativen Philosophie bis Bedrohung wird.

Die Funktionen von Sinn-, Schutz-, Selbstwerterhöhung und Simplifizierung ergeben sich dabei mehr aus dem Typus der Verschwörungstheorie, während sich die jeweilige strategische Funktion vor allem aus dem Kontext erschließen lässt. Hier kann ein und dieselbe Verschwörungstheorie mitunter einer ganz anderen Strategie dienen, eben multipel sein. Wird eine gegnerische Partei oder Kandidat mittels einer Geschichte über die kommunistische Weltverschwörung, oder jüdische Finanziers in Misskredit gebracht, um bei einer gewissen Wählerschaft Stimmen zu generieren, kann es für die Menschen, die diese Erklärung glauben, wiederum eine Selbstwerterhöhung sein, ein Schutz davor, sich mit verschiedenen Programmen zur Lösung sozialer Probleme zu beschäftigen. Wieso sich mit Mieten, Löhnen oder Bildung plagen, wenn die ganze Welt auf dem Spiel steht? Seit wann interessiert Reptiloiden, ob ein neuer Spielplatz gebaut wird, oder sich das Kindergeld erhöht?

Was für den einen Aufklärung über „Chemtrails“ ist, also die Kondenzstreifen von Flugkörpern am Himmel als chemische Angriffe auf die Gesundheit der Menschen erklärt und somit pseudorationale Erkenntnis schafft, ist für den anderen ein gutes Thema die Ausmerksamkeit für den eigenen Blog zu erhöhen, ein Buch zu verkaufen oder Eintrittsgeldern für einen entsprechenden Vortrag einzunehmen. Wichtig ist es deshalb eine Art Funktions-Faustregel unbedingt durch Fragen nach den Akteuren und Medien, die diese nutzen, zu ergänzen. Wer betreibt welche Theorien und zu welchem Zweck? Wie gestaltet sich der Kontext? Haben Verschwörungstheorien nicht sogar Unterhaltungswert?

Verschwörungstheorien: Selten so gelacht?

Ist man noch vor einigen hundert Jahren Frau, Jude oder Freimaurer gewesen, müssste einem das Lachen eher im Halse stecken bleiben, denn dass Verschwörungstheorien und ihre Medien, seien es der „Malleus Maleficarum“ (Hexenhammer, 1486) oder die „Protokolle der Weisen von Zion“ (1903), für gewisse Personen schlimme Folgen haben, ist unbestritten. Allerdings sind Verschwörungstheorien nicht nur für den Ernstfall geeignet, haben doch zahlreiche Adaptionen in Filmen, Comics und Parodien dafür gesorgt, dass auch ein befreiendes Lachen möglich ist.

Im kalten Krieg und einem Klima der Angst wie Unsicherheit vor der Bombe, spielt 1964 der satirische Film „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“ gezielt mit einer atomaren Weltverschwörung und dem Weltvernichtungsstreben der USA wie der Sowjetunion. Weniger satirisch, aber mittels Illustrationen die Geschichte einer Verschwörung aufdeckend, zeigt die 2005 veröffentlichte Graphic Novel von Will Eisner, im deutschen mit einem Vorwort von Umberto Eco versehene Geschichte, „Das Komplott: Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“ eine teils fiktive teils faktische Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte eines der wirksamsten Werke aus dem Bereich der Verschwörungstheorien. Der Titel gibt schon Aufschluss darüber, wie „wahr“ jene Geschichte sein kann, die in gezeichneten Bildern davon erzählt, wie antisemitische Vorurteile und Hass zu propagandistischen Zwecken missbraucht werden. Einerseits ist das weniger zum Lachen, aber andererseits wird der ernste Hintergrund entlarvt und dient nicht mehr der eigentlichen Verschwörung, sondern ihrer Geschichte.

Was als Crowdfounding-Projekt startete, resultiert 2012 schließlich in einem abendfüllenden Kinofilm: „Iron Sky – Nazis from the moon„. Statt historische Hintergründe zu beleuchten, werden altbewährte Verschwörungstheorien selbst inszeniert, wenn mit einem Mal Mondnazis die Erde bedrohen. Hinzu kommt ein Quantum politische Realsatire, mit einer amerikanischen Präsidentin, die einer bekannten US-Repuplikanerin zum verwechseln ähnlich sieht und die Ideologie der Mondnazis für ihre politische Kampagne verwendet. Was ist zudem von einem Sicherheitsrat zu halten, in welchem alle der Welt geheime Weltraumprogramme betreiben, um über bewaffnete Raumschiffe im Orbit zu verfügen? Vielleicht mochte dieser Versuch keine Massen zu begeistern, aber immerhin wollen die Produzenten mit einem zweiten Teil weitere verschwörungsideologische Stoffe umsetzen. In „Iron Sky – the coming race“ sollen der atomaren Apokalypse die Echsenmenschen aus dem inneren der Erde folgen, die, wer hätte es gedacht, den Untergang der menschlichen Rasse von Anfang an geplant hatten.

Ist dieser popkulturelle Zugriff auf Verschwörungstheorien ein Zufall, oder sind sie Teil einer Unterhaltungsrezeption geworden, die Spannung verspricht? Selbst das Miniatur-Wunderland in Hamburg unterhält seit 2014 einen „Bunker der Verschwörung“ und präsentiert eine Fake-Mondlandung sowie Illuminaten im Kleinstformat.

mondlandung-min
©Miniatur Wunderland Hamburg

Anhand von Verschwörungstheorien lässt sich die Theorie einer doppelte Lesart von ernst/unernst und damit einer prototypischen populären Kultur verdeutlichen. Gemäß einer „ästhetischen Zweideutigkeit“ (Hans-Otto Hügel, 2003) entziehen sich verschwörungstheoretische Inhalte einer genuin ernsten ästhetischen Deutung, die sie als Wissenschaft oder Kunst ausweisen würde. Es sind gerade die verschwörerischen, inoffiziellen oder nicht belegbaren Argumentationen, welche sie als Unterhaltung kennzeichnen würden. Diese lassen sich sowohl vergnüglich, als auch ernst rezipieren, ohne eine der Lesarten zwingend vorauszusetzen.

Der Kern des Populären ist nicht das Erhabene, sei es positiv oder negativ motivierend bzw. verkleidet, sondern […] die Unterhaltung. Die Unterhaltung ist aber zweideutig und positiv, nie radikal und negativ. (Hans-Otto Hügel, Spielformen des Bösen, 318)

Allerdings würde eine unterhaltsame Rezeption, die zwar ernste Motive aus dem verschwörungstheoretischen Fundus aufgreift, sie aber unernst rezipieren lässt, gerade die Verschwörungstheorien ausklammern, die in den jeweiligen Kontexten wirklich soziale bis radikale Folgen zeitigen. Würden Menschen verfolgt und eingesperrt werden, die in Verdacht gerieten Echsenmenschen zu sein, oder Schriften verbrannt und Menschen entlassen, die an die Ermordung von Prinzessin Diana glauben, oder eben nicht an die Echtheit der Mondlandung der Amerikaner, wäre es mit der ästhetisch-zweideutigen Rezeption vorbei. Gerade deshalb werden wohl auch nur bestimmte Stoffe aus dem Spektrum der alternativen Weltdeutung für unterhaltsame Artefakte ausgewählt. Im Zweifelsfall wären Neuauflagen der Protokolle, oder Berichte über Satanssekten wiederum Fake-News bis Propaganda. Was wiederum mehr wäre, als Unterhaltung, da politische, ideologische und finanzielle Interessen im Vordergrund stünden.

Fazit: Habe den Mut dich deiner eigenen Verschwörungstheorie/-mythos zu bedienen?

Es gibt offenbar gute Gründe an Verschwörungen zu glauben, allerdings dienen viele Verschwörungstheorien keinem aufklärerischen Ziel, sondern verlieren sich in einem Mythos oder verfolgen ideologische Interessen. Gemäß einer psychosozialen Funktions-Faustregel, spielen immer Fragen nach dem Sinn, der Selbstwerterhöhung durch scheinbar exklusives Wissen, dem Schutz vor einer zufälligen bis komplexen Welt, Vereinfachung und gewisse Strategien eine Rolle. Dabei sind die Kontexte und sozialen Folgen wichtig, die Verschwörungstheorien beobachtbar mit sich führen. Als alternative Welterklärungen oder vermeintliche Privatmeinungen sind sie eher harmlos und könnten sogar das kritische Denken anregen. Werden durch sie jedoch bestimmte Personen, Gruppen oder Praktiken in einer Gesellschaft stigmatisiert und nach dem Muster eines „pathologischen Dualismus“ sichtbar dämonisiert, kann dies ernsthafte Konsequenzen haben.

Politische Parteien und Regierungen können gezielte strategische Interessen verfolgen, wenn sie ausländische Mächte für innenpolitisches Versagen verantwortlich machen. Ist jede Form von Propaganda damit schon Verschwörung? Wer zieht hier die Grenzen? Nicht alle nehmen es zudem mit Humor, wenn die Zufälle und Komplexitäten der Welt finsteren Gegenmächten oder Akteuren hinter den Kulissen zugeschrieben werden. Ein verschwörerisches Engagement wird geweckt, das vielleicht verdeckt, dass soziale Probleme, globale Katastrophen oder schlicht das menschliche Miteinander schon fordernd genug sind. Möchten die Verschwörungsgeschichten ablenken? Jeder sollte sich angesichts der sichtbaren Probleme unserer Gesellschaft wie des Fortbestandes der menschlichen Zivilisation fragen, ob nicht Aliens, Geheimdienste, Satanssekten, Bilderberger, Illuminaten und zionistische Weltverschwörer, selbst wenn es sie denn gäbe, vermeintlich genauso über- wie gefordert wären, wie wir.

Literatur

  1. Benecke, Lydia: Auf dünnem Eis: Die Psychologie des Bösen, Köln 2013.
  2. Blume, Michael: Verschwörungsglauben: Der Reiz dunkler Mythen für Psyche und Medien, Filderstadt 2016.
  3. Butter, Michael: Plots, Designs, and Schemes: American Conspiracy Theories from the Puritans to the Present, Boston 2014.
  4. Hügel, Hans-Otto (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Begriffe, Theorien und Diskussionen, Stuttgart 2003.
  5. Hügel, Hans-Otto: „Spielformen des Bösen in der populären Kultur“, in Werner Faulstich (Hg.): Das Böse heute. Formen und Funktionen, Paderborn 2008.
  6. Imhoff, Roland: „Fragebogen zur Erfassung von Verschwörungsmentalität – Kurzform“, in C. J. Kemper, E. Brähler, & M. Zenger (Hg.): Psychologische und sozialwissenschaftliche Kurzskalen, Berlin 2013, 334-336.
  7. Wippermann, Wolfgang: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute, Berlin 2007.

Bilder: ©Miniatur Wunderland Hamburg

Nachtrag: Dieser Beitrag verdankt sich den Vorbereitungen wie Gesprächen zur Podiumsdiskussion „Aliens, Satan, CIA – Verschwörungstheorien und ihre Wirkung“ vom 30. März 2017 im DAI Heidelberg.