„American Gods“ – Alte Götter und neue Zweideutigkeiten von Religion wie Unterhaltung

Gottesvorstellungen und säkulare Zweideutigkeit?

Gottesvorstellungen sind ein Leib- wie Magenthema kulturwissenschaftlicher Religionswissenschaft. Schließlich sind Gestalt gewordene „übermenschliche Mächte“ (Martin Riesebrodt,2007, 115) oder „Transzendenzen“ (Hubert Knoblauch, 2009, 53-56/Alfred Schütz und Thomas Luckmann, 2017, 589-592) wichtige kulturelle Kulminationspunkte, anhand derer sich religionswissenschaftliche Analyse mit Medien- wie Gesellschaftskritik verbinden kann. Dies Allerdings unter der Voraussetzung die Götter weniger als „konstitutionellen Bestandteil von Religionen“, sondern vielmehr als „stetige Konstruktion von Formationen solcher Gestalten von Göttlichkeit“ zu betrachten (Gegor Ahn, 2012, 178).

Anlässlich des Starts der TV-Serie von „American Gods“ (Starz/Amazon, 2017), nach einem Roman von Neil Gaiman (Erstauflage 2001), wird der mediale Kosmos um einige Charaktere alter wie neuer Götter reicher.  Ist es unglaublich, dass Charaktere wie die nordische Gottheit Odin( aka Wotan aka Allvater), die altjüdisch bis –afrikanische Gottheit Bilquis, der griechisch-römische Vulkan, die ägyptischen Götter Thot wie Anubis und der slawische Czernobog ins Fernsehen zurückkehren? Nein, denn es entspricht einer Logik der vielen Geschichten, dass mythische Figuren, alte wie neue, auch für unterhaltende wie auch zeitgeschichtliche Formate wiederentdeckt bis neurezipiert werden können. Während Neil Gaiman in seinem Roman Anfang der Nullerjahre vor allem eine phantasievolle Hommage an seine Wahlheimat Amerika, mit einer Wiedererzählung alter Mythen verband, ist die Umsetzung für das Fernsehen mehr ein Spiegelbild einer Gesellschaft im Rahmen säkularen Selbstkritik.

Alte Götter aus allen Erdteilen kämpfen als exilierte Phantasiewesen in den USA um ihr Überleben und sind dabei von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit abhängig, wie manche Menschen oder bestimmte Berufsgruppen, da sie ohne die Liebe, Beachtung wie Anbetung nicht existieren können. Ein literarischer, auf menschlichen Vorstellungen basierender Konstrukttheismus, der sich in anderer Form auch in Salman Rushdies „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ finden lässt. Ob Götter, die von Erzählungen ihrer Selbst abhängig sind, hier eine säkulare Lesart von Sakralität bedeuten? Das soll an anderer Stelle geklärt werden. Jedenfalls müssen sich die Altvorderen in American Gods gegen die neuen Götter behaupten, die mittels technischen und medialen Fortschritts sowie globaler Reichweite, fast schon allmächtig erscheinen. Wobei „allmächtig“ hier im Sinne einer kulturellen Formung zu verstehen ist, die mehr über die Prozesse einer solchen Formung aussagt, als schon eine substantielle oder funktionale Transzendenz, oder deren Entwicklung, zu behaupten. Die Überlegungen von Raffaele Pettazoni sind deshalb durchaus aktualisiert zu verstehen. American Gods veranschaulicht Aspekte plastischer Gottesvorstellungen ebenso, wie Momente einer Formung von Mythen, die an kulturellen Ideen mindestens teilhaben, wenn sie diese nicht sogar mit-formen.

„Für die historische Forschung sind die göttlichen Attribute durchaus nicht a priori in der monotheistischen Gottesvorstellung enthalten: diese Vorstellung ist schon in sich eine Formung, und die göttlichen Eigenschaften sind ebenfalls Formungen, die an der Entwicklung dieser Idee teilhaben.“ (Raffaelle Pettazzoni, Der Allwissende Gott, 1957)

Ein solcher Formungsprozess von Gottesvorstellungen in Bereichen populärer Kultur wie Literatur, Film, TV-Serien und Videospielen ist in seiner Bewertung von einer Theorie abhängig, wie diese Kultur zu verstehen ist. Deshalb erscheint es wichtig, eine Lesart populärer Kultur anzubieten, die sich vor allem auf Mehrdeutigkeiten sowie eine Kombination von Rezeptions- wie Wirkungsgeschichte stützt. Hans-Otto Hügels „ästhetische Zweideutigkeit der Unterhaltung“ bietet hier Anknüpfungspunkte, welche American Gods nicht allein unter den Apekten mythologischer Genauigkeit, religionsphilosophischer Plausibilität oder einer göttlichen Wirklichkeit betrachten lässt. Für Hügel ist Unterhaltung mehr als reiner Konsum oder Zeitvertreib, sondern ein oszillierender Aneignungsprozess, der sich zwischen Artefakt und Rezipient (TV-Serie und Zuschauer) wechselseitig nach einer Art Code ernst/unernst vollzieht (Hügel, 1993/2003/2007). Es geht also einerseits um Unterhaltung, aber gute Unterhaltung, die religiöse Mythologie nicht nur verwendet, sondern sie zugleich neu formt, an ihrer Erzählung Anteil hat. Dies ohne völlig in „heiligem Ernst“ aufzugehen, aber indem Rezeptionsebenen angeboten werden, die über banale oder rein zerstreuende Wahrnehmungen hinausgehen. Zentral ist eine „Eigenständigkeit“ von unterhaltenden Artefakten, die nicht allein von der Masse des Publikums oder der Klasse des Formats abzuleiten ist.

Mit der „ästhetischen Zweideutigkeit“ hat Hans-Otto Hügel dabei den eigentlichen Energiekern der kulturellen Produktion herausgearbeitet – und das, indem er mit der Unterhaltung ausgerechnet das in den Mittelpunkt gerückt hat, was für die sogenannte ›ernsthafte‹ wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur immer nur abschätzig behandelt oder im Rahmen hysterisierter Debatten sogar als kulturgefährdend eingestuft worden ist. Mit Hügels Arbeiten sind die populärkulturellen Artefakte nicht nur für die Beobachter zu etwas Eigenständigem geworden. Auch hat er das Bild der Produzenten grundlegend verändert. Nicht zuletzt macht Hügel es möglich, den Produktionsprozess populärkultureller Artefakte genauer und komplexer zu analysieren und damit dann auch: im Rahmen ästhetischer Praxen offensiver und intensiver mit ihm zu experimentieren. (Udo Göttlich und Stephan Porombka, Die Zweideutigkeit der Unterhaltung, 2009, 12)

Eine zweideutige Unterhaltungsästhetik lässt auch religiöse Mythologie oder mythologische Religion in einem anderen Licht erscheinen. In einem Rahmen der vielen Gesschichten und vielfältigen Medien, die Geschichten von Göttern anders erzählen, neu adaptieren, die Gottesvorstellungen anpassen oder vielleicht nur einzelne Eigenschaften übernehmen, könnte auch von einer säkularen Zweideutigkeit von Religionen die Rede sein. Im Bereich von Gottesvorstellungen wie American Gods bietet es sich an die Hypothese zu überprüfen, die säkulare Zweideutigkeit ausmachen könnte: 1. Religiöse Deutungen sind Deutungen neben anderen (Taylor). 2. Zwingend ernsthafte oder rein unernste Deutungen sind dogmatisch bis zerstreuend, aber nicht unterhaltend (Hügel). 3. Gottesvorstellungen sind formative Gestaltungen ergo Thematisierungen von „Göttlichkeit“ (Ahn).

Säkulare Zweitdeutigkeit von Religion wäre folglich religiös mehrdeutig, ernst bis unterhaltend rezipierbar und als ästhetisch gestaltbar zu verstehen. 

Von Odin bis Mr. World – Alte und neue Götter(vorstellungen)

Der ehemalige Sträfling  Shadow Moon (TV-Serie: Andy Haddock) steht vor den Trümmern seines bisherigen Lebens. Nicht nur, dass er jahrzehntelang in Haft gewesen ist, seine Frau bei einem Autounfall kurz vor seiner Entlassung ums Leben kam, nein er begegnet auf seinem Heimflug auch noch einem seltsamen Typen, der ihn gut zu kennen scheint. Dieser Mr. Wednesday (TV-Serie: Ian McShane) möchte ihn anheuern, ihm einen Job anbieten. Dass es sich dabei nicht nur um einfache Gelegenheitsarbeiten handelt, sondern er eine Art Auserwählter zu sein scheint, wird in der bisher erschienenen ersten Staffel nur angedeutet. Im Roman wird er jedoch zu einer Schlüsselfigur im bevorstehenden Endkampf zwischen alten und neuen Göttern. Gaiman bedient sich behende in den Mythologien einer Vielzahl von Kulturen, denn aus den nordisch-germanischen entlehnt er seinen Wednesday/Wotan/Odin/Allvater, der ebenso zwei Raben besitzt und ein seltsames Glausauge vorweist. Aus Irland kommt ein Kobold, Mad Sweeney (TV-Serie: Pablo Schreiber), der zwei Meter groß und sehr kräftig ist, Goldmünzen aus der Luft herbeizaubern kann und mehr Alkohol verträgt, als jeder Sterbliche. Eine verführerische Göttin aus dem alten Testament, die Königin von Saba oder auch Bilquis (Yetide Badaki), gibt sich ebenso die Ehre, wie der aus westafrikanischen Mythen bekannte Spinnen- und Schelmengott Anansi (Mr. Nancy/Orlando Jones). Die ägyptischen Götter Anubis (Mr. Jacquel/Christ Obi) und Thot (Mr. Ibis/Demore Barnes) agieren als Bestattungsunternehmer, die in der TV-Serie sogar die durch magische Koboldsmünze auferstandene Laura Moon (Emily Browning) physisch wiederherstellen. Auf ihrer Reise zu möglichen Kampfgefährten begegnen Wednesday und Shadow Moon in einem Mietshaus in Chicago dem slawischstämmigen Czernobog (Peter Stormare) und den drei Schwestern Zorya Utrennyaya (Morgenstern/Martha Kelly), Zorya Vechernyaya (Abendstern/Cloris Leachman) und Zorya Polunochnaya (Mitternachtsstern/Erika Kaar). Weitere Gestalten sind in der TV-Serie noch der griechisch-römische Gott Vulkan (Corbin Bernsen), die mythologisch umstrittene Frühlingsgöttin Ostara alias „Easter“ (Kristin Chenoweth) und im Roman noch ein gewisser kindermordernder Hinzelmann, was wohl auf keltisch-germanische Geisterwesen wie die Heinzelmänner verweist.

Neben der betont anthrophomorphen Darstellung, fällt eine soziomorphe ins Gewicht, denn die alten Götter sind, mehr noch als die neuen, Teil einer amerikanischen Gesellschaft, die sich als Einwanderergesellschaft wie „melting pot“ begreift. Sie gehen mehr oder weniger etablierten Berufen nach, verdienen bis ergaunern ihren Lebensunterhalt und versuchen nicht aufzufallen. Sie nehmen ihren Bedeutungsverlust, der einen Macht- wie Kraftverlust zur Folge hat, mit Resignation zur Kenntnis, oder fügen sich in ihr göttliches Schicksal. Anders handelt folglich der Allvater, der mobilisierend wie rekrutierend durch die Lande reist, um sich für das bestehende Armageddon bis Ragnarök zu wappnen.

Als die Menschen nach Amerika kamen, haben sie uns hierher mitgenommen. Mich und Loki und Thor, Anansi und den Löwengott, die Leprechauns und Cluricauns und Banshees, Kubera und Frau Holle und Astaroth… und euch alle. Wir sind in ihren Gedanken hierhergesegelt und haben Wurzeln geschlagen. Wir haben die Siedler über den Ozean in das neue Land begleitet. […] Unsere wahren Gläubigen verstarben oder hörten auf an uns zu glauben, und uns blieb nichts anderes übrig, als uns – besitzlos und verängstigt – mit dem wenigen durchzuschlagen, was wir an Verehrung und Glauben noch finden konnten. (Neil Gaiman, American Gods, 166)

Die neuen Götter sind wiederum eine Bedrohung für sich, denn mit dem Technical Boy (Bruce Langley), Lady Media (Gillian Anderson) und Mr. World (Crispin Glover) nehmen genau jene post- bis spätmodernen Bedrohungen Gestalt an, die bis dato eher unpersönlicher Art waren. Der Technical Boy ist der verkörperte Fortschritt, welcher alle technischen Errungenschaften und modernen Medien umfasst. Im Roman eher als fettleibiger Spätpubertierender dargestellt, ist er in der Serie ein geschmeidiger Hippster, der in einer Limousine über das Land fährt und aus den kleinsten Apparaten heraus in Erscheinung treten kann. Lady Media hingegen sind die personifizierten Medien, gekonnt durch das amerikanische Leitmedium Nummer eins in Szene gesetzt: Das Fernsehen! Sie spricht zu Shadow Moon über die Bildschirme dieser Welt und vermittelt eine düstere Vision von George Orwells überwachenden Bildschirmen aus „1984“ wie  auch Benthams allsehendem „Panoptikum“. Beide dienen mehr oder weniger Mr. World, einer Kombination aus Globalisierung, Kapitalismus und gelebter Systemtheorie. Dieser neue Meta-Gott wirkt weniger von anthrophomorphen Leidenschaften getrieben, wie die alten Götter, als vielmehr einem totalitären Bestreben nach Herrschaft. Zwar gönnen sie den alten Göttern einen Platz in ihrer Welt, aber zu ihren Bedingungen.

Technical Boy: Technology’s evolving.
We’re all evolving.
It would be an honor, sir, to evolve with you.
I can help you.
I want to help you Influence opinions, behaviors, beliefs like never before.
Lady Media: We want to help you find your audience.
Mr. World: You see? We’re not here to fight. (Lemon Scented you, S1E5, 00:43:15)

Die neuen Götter haben klassische monotheistische Eigenschaften wie Allwissenheit, Allpräsenz und Allmacht unter neuen Vorzeichen verwirklicht. Dabei stellt vor allem die TV-Serie durch ein in dem Roman nicht vorkommendes Angebot die Gesellschafts- und Medienkritik in den Vordergrund, die mit dieser neuen Göttlichkeit einhergeht. Den alten Göttern, in Person Mr. Wednesdays, wird ein Individualismus vorgeworfen, der sich gegen den Fortschritt wendet: „Ich verstehe. Ja, wirklich. Sie sind Individualist. Krasser Individualismus, der funktioniert einfach nicht mehr…

You’re an individualist. Rugged individualism. It simply doesn’t work anymore.
Brands. Sure. A useful heuristic. But ultimately, everything is all systems interlaced, a single product manufactured by a single company for a single global market.
Spicy, medium, or chunky.
They get a choice, of course.
Of course! But they are buying salsa. (Mr. World, Lemon Scented you, S1E5, )

Mr. Wednesday lehnt diese sogenannte „Fusion“, anders als der Gott Vulkan, ab, denn für ihn ist das „Walhalla aufs Neue“ eine „Verbannung“. Für ihn geben die neuen Götter nichts, sie nehmen den Menschen nur ihre Zeit.

Wednesday: You say a merger? I hear exile.
Lady Media: It’s not our fault they found other ways to occupy their time.
Wednesday: That’s all you do, occupy their time.
We gave back.
We gave them meaning. (Lemon Scented you, S1E5, 00:46:52)

An dieser Stelle wird die Zweideutigkeit der Unterhaltung sichtbar, denn neben einer epischen Ebene eines Kampfes alter  gegen neue Götter, werden mindestens drei weitere Konfliktlinien ersichtlich: Erstens der Kampf von Individuen gegen Systeme, einfachen Persönlichkeiten, gegen komplizierte Welten. Zweitens die existenzielle Ebene von Sinnstiftung versus Sinnzerstreuung. Drittens eine ökonomisch-moralische, dass Produkte und Vermarktung im Vordergrund stehen, keine Moral. Die spätmoderne Gesellschaft als Konsumhölle, statt Sinnwalhalla? Alle Ebenen bieten sich als Deutungen an, werden nicht dogmatisch ausgelegt. Nicht nur, dass nicht schon in der ersten Staffel alle Konfliktlinien offenbart werden, nein, es geht um die generelle Zweideutigkeit der Unterhaltung, die zwar individuelle, menschlich-existenzielle und ökonomisch-moralische Spannungen thematisieren darf, aber diese nicht belehrend oder gar politisch fordernd darstellt.

Im Roman handeln die neuen Götter vor allem durch ihre Agenten Mr. Rock und Mr. Wood, die Shadow Moon und Wednesday dicht auf der Spur sind. Hingegen zeichnet sich die erste Staffel der Serie dadurch aus, dass es den neuen Göttern gelungen ist Vulkan auf ihre Seite zu ziehen, und auch Mr. Wood sich als Gott der Wälder zu erkennen gibt, der nun der neuen Sache dient. Ein weiteres Thema, im shakespear’schen Sinne gibt sich zu erkennen: Verrat und Korruption. Vulkan, der nun die gleichnamige Rüstungsfabrik leitet, hat sich mit dem Angebot der neuen Götter zufrieden gegeben. Mehr noch, er hat seinen „Glauben konzessioniert“ und ist mit der Art der neuen Anbetung, durch Gewehre und Munition, zufrieden.

They– They’re not the oppressors.
They’re the tide. They’re gravity.
You saw what I was. I was a story people forgot to remember to tell.
And they gave me a gun. They put power back in my hand, and I gotta tell ya, it feels good. Every bullet fired in a crowded movie theater is a prayer in my name.
And that prayer makes ‚em want to pray even harder.
And that’s how you franchised your faith.
I never needed my religion to be moral. (Vulkan, A Murder of Gods, S1E7, 00:42:22)

Neben dieser Neukonzessionierung des Glaubens, der mittels dem Einsatz von Waffen dem nunmehr materialistischen Gott die Anbetung verschafft, die dieser benötigt, werden wiederum mehrere Ebenen oder Register der Unterhaltung gezogen: Der Verrat Vulkans ist einer weiterer Eskalationsschritt zwischen alten wie neuen Göttern. Ein Gott ist nur noch eine weitere Marke in einem System der Vermarktung. Eine moralische Orientierung hat sich in eine materialistische verwandelt. Ist das nun Kritik an einem korrumpierten System, oder das moralische Versagen eines Einzelnen? Beide Problematisierungen oder Thematisierungen sind als Interpretationen möglich, aber keine wird zwingend vorgegeben. Eine zweideutende Unterhaltung lässt es zu, dass sich sowohl enttäuschte Traditionalisten, Schlachtenfreunde, Moralisten und Antikapitalisten als Zuschauer nicht enttäuscht fühlen dürften. Das Drama um den Kampf der Götter nimmt weiter unterhaltend seinen Lauf und hält sich nicht mit großen Lehren, eher kleinen Lektionen auf. Schließlich wird Vulkan von Odin mit seinem eigenen Schwert geköpft. Eine Moral von der Geschicht?

Säkulare Zweideutigkeit – vom Heils- zum Unterhaltungsversprechen?

Geht es nach Udo Tworuschka, dann ist eine „praktische Religionswissenschaft“ vor allem nützlich. Dies hinsichtlich eines „nützlichen, verwertbaren Wissens“ für die Bereiche sozialer Arbeit, politischer Analyse, Management und Ethik, um Probleme zu lösen (Udo Tworuschka, praktische Religionswissenschaft, 17-18). Wie diese sich von einer „angewandten“ unterscheidet, die für ihn bloß die verschiedenen Theorien und Methoden auf andere Bereiche überträgt, ist eine andere Frage. Hinsichtlich einer säkularen Zweideutigkeit von Religion ist die Anwendung auf populäre Geschichten jedoch von Bedeutung, wenn hieraus eine religionswissenschaftliche Zueignung der ästhetischen Zweideutigkeit von populärer Kultur werden könnte. Allein in der Nützlichkeit einer anerkennenden Analyse von Unterhaltung, mittels TV-Serien oder Romanen wie American Gods, kann sich eine nicht-essentialisierende wie auch nicht streng in religiöse und nicht-religiöse Kontexte trennende Religionswissenschaft bewähren. Riesebrodts Ansatz einer vergleichenden Religionstheorie, müsste somit gegen ihren Ernst eines Kultus und Heilsversprechens erweitert werden. Es geht bei einer säkularen Zweideutigkeit eben nicht um einen Gegensatz von Religion sowie Nicht-Religion, sondern der mehrdeutigen Bestimmung religiöser, existenzieller, moralischer und dramatischer Themen.

Mein Ansatz versteht Religionen als Komplexe religiöse Praktiken, in denen sich typische Kontingenzerfahrungen und Heilshoffnungen von Gemeinschaften und Individuen widerspiegeln. […] All diese Praktiken drücken Unheilsbefürchtungen, Krisenerfahrungen und Heilshoffnungen aus. (Martin Riesebrodt, Cultus und Heilsversprechen, München 2007, 258)

Während der Roman und die TV-Serie verschiedene Formen der Erzählung ermöglichen, wenn es um den Konflikt der alten mit neuen Götter geht, bleiben die grundlegenden narrativen Problematisierungen ähnlich bis gleich. Es handelt sich um mindestens drei Ebenen, auf denen sich eine Ökonomie der Aufmerksamkeit wie Anerkennung, als Orientierungsrahmen einer säkularen wie sakralen Moderne entfaltet. Einmal bedeutet der Konflikt der übermenschlichen Mächte einen Machtkampf, in welchem die Menschen nur als Ressource bis Kapital zu verstehen sind, zweitens offenbart dieser Konflikt zugleich einen kultur- und gesellschaftskritischen Charakter, der anhand der exemplarischen amerikanischen Kultur Differenzen eines Unbehagens in der Moderne aufzeigen soll, damit letztlich das Drama menschlicher Sinn- wie Identitätsfindung, augenscheinlich durch die Figur Shadow Moon, vollzogen wird. Kurz gesagt sind es Anerkennung, Sinn und Identität, die unter Bedingungen einer multiplen oder säkularen Moderne verhandelt werden.

Die Riesebrodt’schen Sinnstrukturen von Unheil, Krise und Hoffnung lassen sich jedoch nicht eindeutig entscheiden, denn sie bleiben einer freien Rezeption ernst/unernster Art überlassen.  Die übermenschlichen Mächte, Götter oder mythische Wesen, stehen dabei nicht außerhalb des Rahmens eines säkularen Zeitalters, sondern sind direkt von einer säkularen Zweideutigkeit betroffen. Nicht nur, dass die neuen, aufstrebenden Götter dieses Zeitalters, wie der Technical Boy, Mr. World oder Lady Media, eine ernsthafte Konkurrenz darstellen, einen Wettbewerb, dem sich die alten Götter zu stellen haben, nein, viel wichtiger ist, dass die alten Götter selbst von der Gunst der Menschen abhängig sind. Innerhalb eines säkularen Rahmens, in welchem die individuelle Religiosität, die einmal durch Rechte wie Religionsfreiheit, aber auch einer staatlichen Neutralität bis Trennung gegenüber bestimmter Religion gesichert wird, für multireligiöse Verhältnisse sorgt, ist ihre Anbetung keinesfalls garantiert.

Multireligiosität hinsichtlich der Möglichkeit der Orientierungen, aber auch der Formen der Ausprägung dieser Orientierungen, ist dabei die latente Voraussetzung für die Konkurrenz alter wie neuer Götter und untereinander. Die jeweiligen Kommunikationen wie Beziehungen werden zu Aushandlungsprozessen, die eher an einen Markt der Religionen erinnern, wenn das Handeln der Götter selbst vermenschlicht wird und dies nicht nur aufgrund ihrer anthropomorphen Gestalt.

Dieses »Marktmodell der Religion« geht von der Annahme aus, dass Menschen sich ausschließlich am ökonomischen Prinzip der Nutzenmaximierung orientieren.63 Individuen gewichten ihre Entscheidungen nach den antizipierten Kosten und Erträgen ihrer Handlungen so, dass sie ihre Nettoerträge maximieren. Das gilt auch für die Religion. (Hubert Knoblauch, Populäre Religion, 229)

Gemäß den Vorgaben einer ökonomisierten bis kapitalistischen Gesellschaft, die einer idealtypischen amerikanischen Gesellschaft zu entsprechen scheint, müssen sich die Göttinnen wie Götter ihre Aufmerksamkeit bis Anerkennung verdienen. Fast erscheint es, als wäre das alte do ut des, welches oft als idealtypisches Sakralverhältnis antiker Religionen beschrieben wird, völlig in Angebot und Nachfrage verkehrt. Es gibt ihn nicht mehr, den Kosmos der göttlichen Wesenheiten oder einer sakralen Einheit, denn Säkularität bedeutet vor allem eine Trennung bis Fragmentierung von Macht und die Herausbildung einer differenzierten Vielfalt. Egal ob Anansi oder Bilquis, die Wesen von Damals müssen ihre Fähigkeiten als Angebote präsentieren, die sich, selbst bei einer suggestiv erzeugten Nachfrage, zu bewähren haben. Anders ausgedrückt, müssen die Götter mobilisieren, dies möglichst authentisch, oder sogar mit komplettem Körpereinsatz. Ihre Sakralität wird von Säkularität bestimmt, in deren Rahmen sie sich bewegen, mit anderen Mächten und Menschen interagieren sowie einer gewissen zeitgeschichtlichen Veränderung unterworfen sind. Dies allerdings nicht eindeutig, denn das wäre in einer multiplen Moderne ein zu ernster Status Quo. Weshalb der Autor selbst auf eine metaphorische Religiondefinition zurückgreift, welche die Lesenden vor einer allzu ernsten Rezeption bewahren soll. Eine Art Lesehinweis, der die fantastische Fiktion noch um eine fantastische Reflexion erweitert.

Nichts von alldem kann in Wirklichkeit geschehen. Wenn sie das tröstet, dann nehmen sie es einfach als Metapher. Religionen sind schließlich, per definitionem, Metaphern: Gott ist ein Traum, eine Hoffnung, eine Frau, ein Ironiker, ein Vater, eine Stadt, ein Haus mit zahlreichen Zimmern, ein Uhrmacher, der sein bestes Stück in der Wüste zurückgelassen hat, jemand, der dich liebt – vielleicht sogar, wider alle Gewissheit, ein himmlisches Wesen, dessen einziges Interesse darin besteht, dafür zu sorgen, dass deine Fußballmannschaft gewinnt, deine Armee unbesiegt bleibt, deine Ehe glücklich ist oder dein Geschäft floriert und die Konkurrenz keinen Fuß in die Tür bekommt. Religionen sind Orte, an denen man steht, sich umschaut und dann zur Tat schreitet; Aussichtspunkte, von denen aus man die Welt unter sich liegen sieht. (Neil Gaiman, American Gods, 570)

American Gods wird nicht von ungefähr zur fantastischen Literatur oder der Fantasy zugeschlagen, denn es sind hier Aspekte einer Sakralisierung des säkularen Rahmens, die auffallen. Die alten Götter wie die neuen Götter transzendieren sowohl die Rahmenbedingungen, als auch die sozialen Formen von Mythologie. Ob dies dem Roman besser gelingt, als der TV-Serie, sei an dieser Stelle dahingestellt, denn beide medialen Formate thematisieren die grundlegenden Problematiken mittels säkularen als auch sakralen Aspekten. Einmal wird der menschlichen Lebenswelt eine göttliche oder übermenschliche Lebenswelt an die Seite gestellt, die zwar nach ähnlichen Spielregeln spielt, aber diese sehr bedeutend beeinflussen kann. Sie sind nahezu unsterblich, können Welt, Wahrnehmung und Wirklichkeit verändern und entziehen sich einem alltäglichen Verständnis von kausalen Beziehungen. Figuren wie Odin, Cernobog, Bilquis oder Anansi verfügen aber auch über die traditionelle Fähigkeiten und Eigenschaften, die den jeweiligen Quellenkulturen entnommen und adaptiv angepasst wurden.

Ohne einen Rückgriff auf eine sakrale Rezeption, die in dem Sinne mehr vorgeführt als fortgeführt wird, könnte American Gods gar nicht den unterhaltenden (ernst/unernst) Anspruch erheben auf der Handlungsebene alte gegen neue Götter gegeneinander antreten zu lassen. Die Sinn- wie Identitätsfragen würden keinen neuen Mythos erzählen und keine Spannung durch die narrative Spannung Immanenz/Transzendenz könnte entstehen. Gerade große, abstrakte Strukturen, wie Technik, Medien und die Globalisierung, die anhand ihrer Personifizierung und Sakralisierung Angebote offerieren, die fast schon an einen göttlichen Kosmos erinnern lassen, wirken als „Gestalten von Göttlichkeit“. Könnte hier der säkulare Rahmen gesprengt werden und eine Art sakraler Rahmen entstehen, der auf die Dialektik von Be-Deutung verweist, wenn doch diese neuen Götter weitaus mächtiger, unausweichlicher und weniger optional erscheinen, als die alten? Ein Rahmen der Erfahrungen von „Selbstranszendenz“ gegenüber Medien, Technik und Globalisierung? Säkulare Sakralität?

Wir brauchen gerade unter den Bedingungen der Säkularisierung die Erforschung von Sakralität, weil nur diese uns erlaubt, die Vielzahl von Erfahrungen der Selbsttranszendenz auch außerhalb der Religionen etwa in Kunst, [populärer Kultur/Erg.]Natur und Erotik zu bedenken. (Hans Joas, Säkulare Heiligkeit, 281)

Es ist gerade das Spiel mit den anthropomorphen Strukturen, die sich als Ressourcen, Probleme und Herausforderungen einer säkularen Zweideutigkeit zeigen, welches dem Roman und der TV-Serie unterhaltsame Momente beschert.  Religion wird zu einer erzählten Definition, die als „Aussichtspunkt“ auch die eigene egoistische Perspektive auf Religion in Zweifel zieht und zugleich Bestätigung erzeugt, denn sind populäre Grundaspekte von Religion nicht diesseitiger Gewinn, Sieg und Abwehr von Unheil? Ein Heilsversprechen wird mittels Zweideutigkeit zum Unterhaltungsversprechen, welches eine sakrale Dimension unterhaltend vermitteln könnte. Wobei völlig offen bleibt, ob diese sakrale Orientierung phänomenal, funktional oder gar sozio-rhetorisch zu verstehen ist. Es ist vielmehr eine Sakralisierung mit, gegen und durch die Unterhaltung, die sich vollzieht. Hans Joas hat auf solche Formen der Transzendierung von Bedeutung Bezug genommen, wenn sich Sakralisierung nicht als essentielles, sondern vielmehr differenziertes Verhältnis ausweisen lässt. Hier lässt sich den weiteren Staffeln ebenso hoffnungsvoll entgegen sehen, wie weitere Analysen von einzelnen Göttern, Episoden oder Staffeln folgen könnten.

Literatur

  1. Ahn, Gregor: „Gottesvorstellungen als Thema vergleichender Religionswissenschaft“, in Michael Stausberg: Religionswissenschaft, Berlin 2012, 169-179.
  2. Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit, München 1998.
  3. Gaiman, Neil: American Gods. Directors Cut, Köln 2017.
  4. Hügel, Hans-Otto: „Ästhetische Zweideutigkeit der Unterhaltung. Eine
    Skizze ihrer Theorie“, in: montage/av, 2, 1993, S. 119-143
  5. Ders. (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Begriffe, Theorien und
    Diskussionen, Stuttgart 2003
  6.  Ders.: Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und Populärer Kultur, Köln 2007.
  7. Joas, Hans: „Säkulare Heiligkeit? Wie aktuell ist Rudolf Otto?“, in Rudolf Otto: Das Heilige. Neuausgabe mit einem Nachwort von Hans Joas, München 2014, 255-281.
  8. Knoblauch, Hubert: Populäre Religion: Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt 2009.
  9. Riesebrodt, Martin: Cultus und Heilsversprechen, München 2007.
  10. Schütz, Alfred und Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. 2. überarbeitete Auflage, Frankfurt 2017 (2003).
  11. Tworuschka, Udo (Hg.): Praktische Religionswissenschaft, Köln 2008.

Medien

  1. American Gods, TV-Serie, Starz/Amazon 2017.
  2. Bild: American gods with Neil Gaiman at House on the rock (cc/8 eyes photography/flickr.com)