Weltkriegsbomben und ältere Kulte – H.P. Lovecrafts Frankfurt

Wismarer Straße, Frankfurt Westend, September 2017. Die größte Bombenentschärfung seit Ende des II. Weltkrieges hat die Stadt am Main in Aufruhr versetzt. Ein Radius von 1,5 Kilometern mit zirka 70.000 Einwohnern ist betroffen. Polizei, Rettungskräfte und viele Ehrenamtliche Helfer sind vor Ort. Aufgrund einiger uneinsichtiger Anwohner, verzögert sich der Einsatz des Kampfmittelräumdienstes. Zuständige rechnen nach Beginn der Entschärfung mit zirka vier Stunden, die es es dauern soll, bis die Bombe unschädlich gemacht ist. Von Notunterkünften über Live-Ticker der Medien, bis hin zur Logistik der Behörden, ist die professionelle Begleitung dieses Ereignis sichergestellt. Was jedoch, wenn dies nur die halbe Wahrheit ist? Gewiss, die Erkenntnis, dass sogenannte Blindgänger eines vergangenen Krieges noch immer Großstädte in den Ausnahmezustand versetzen können, mag beunruhigend sein. Was jedoch, wenn dies nichts wäre im Vergleich zu Ereignissen, die sich unter der Oberfläche einer medialen Öffentlichkeit abspielen? Die Phantasie ist in der Lage „alternative Wahrheiten“ zu generieren und abseits von einer rationalen Geschichte eine andere zu erzählen. Sie ist in dem Sinne so fiktiv, wie es die phantastische Überlieferung zulässt und zugleich so faktisch, wie es vielleicht ein leichtes Sehnen, ein stilles Hoffen erlaubt, welches all jenen Alpträumen verpflichtet ist, die geboren werden, wenn die Vernunft sich Schlafen legt. Schlafen legt? Vielleicht eher in den Zustand eines anderen Bewusststeins versetzt, eines Bewusstseins, das offen ist für alternative Deutungen. Sei es auch nur für einige Stunden. Wie wäre es, wenn es ältere Zeichen sind, die hinter den Bomben in Koblenz und Frankfurt im Verborgenen wirken? Hinweise auf jene Großen Alten, auf die ein Literat aus Providence Rhode Island Zeit seines Lebens verwies?

Ich glaube, die größte Barmherzigkeit dieser Welt ist die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer friedlichen Insel der Ahnungslosigkeit inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es war nicht vorgesehen, dass wir diese Gewässer weit befahren sollen. Die Wissenschaften steuern allein völlig verschiedene Richtungen und sie haben uns bislang nur wenig Schaden zugefügt, doch eines Tages wird uns das Aneinanderfügen einzelner Erkenntnisse so erschreckende Perspektiven der Wirklichkeit und unserer furchtbaren Aufgabe darin eröffnen, dass diese Offenbarung uns entweder in den Wahnsinn treibt oder uns aus der tödlichen Erkenntnis in den Frieden und den Schutz eines neuen dunklen Zeitalters flüchten lässt. (H.P. Lovecraft, Der Ruf des Cthulhu, 2008 [1928])

Mit seinen Geschichten belebte Lovecraft die Vorstellung um Wesenheiten, die seit Äonen von Jahren durch Zeit wie Raum wirken, dabei von un- bis übermenschlicher Intelligenz sind und physisch wie psychisch die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen. Diese Großen Alten oder äußeren Götter mit all ihren Dienern, Abkömmlingen und weiteren niederen Wesenheiten sind dabei weder Gut noch Böse, da sie ihre eigenen Absichten verfolgen, in denen Menschen eher als Ameisen denn vernunftbegabt erscheinen, vielleicht ein wenig nützlich bis nahrhaft, aber keinesfalls wichtig genug, um gar beachtet, oder im Falle einer drohenden Gefahr, evakuiert zu werden. Wäre die vermeintliche Bombe auf den eher bekannten Cthulhu, den Menschen zugewandten Nyarlathotep, den hungrigen Tsathoggua oder gar den Schlüssel und das Tor bildenden Yog-Sothoth zurückzuführen, hätte sie mit einem Blindgänger nichts mehr gemein. Sie wäre vielmehr ein Zeichen der Hoofnung für mögliche Kultisten mit diesen übermenschlichen Mächten in Kontakt zu treten. Für selbst ernannte Gegner der Großen Alten hingegen eher ein Zeichen ihres drohenden wie unaufhaltsamen Einflusses auf das Weltgeschehen. Das Übermenschliche, welches der Phantast aus Providence in die Reiche unserer Phantasie eingelassen hat, ist nämlich keineswegs märchenhaft, oder als Gutenachtgeschichte geeignet. Es ist vielmehr gegen die Welt und gegen das Leben gerichtet.

Lovecraft ist von seinen Reisen in die zweifelhaften Länder des Unsagbaren nicht zurückgekehrt, um uns frohe Botschaften zu bringen. Vielleicht, so bekräftigt er, verbirgt sich hinter dem Vorhang der Realität aber doch etwas und zeigt sich ab und zu. In Wahrheit: etwas Abscheuliches. (Michel Houellebecq, Gegen die Welt. Gegen das Leben, 20)

Was ist, wenn hinter den Kulissen Kultisten und ihre Gegner einen Kampf ausfechten, der weniger mit Sprengstoff, als mit Abkömmlingen des Shub-Niggurath zu tun hat? Jener Wesenheit, die als gebärende wie durch Raum und Zeit reisende „Gottheit“ ihre Spuren auf zahlreichen Welten hinterlassen kann.

Die Fähigkeit zur Vermehrung ist im Pantheon der Äußeren Götter ein Alleinstellungsmerkmal von Shub-Niggurath und verleiht dem Wesen möglicherweise größere Bedeutung, als wir es gegenwärtig zu fassen vermögen. (Sandy Petersen, Bestimmungsbuch der unaussprechlichen Kreaturen, 54)

Statt es mit den Schrecken menschlicher Zerstörungskraft zu tun zu haben, die schon für sich genommen auf die Destruktivität menschlichen Fortschritts verweisen, reduzieren oder maximieren wir die Geschehnisse an dieser Stelle auf einen Eingriff übermenschlicher Mächte. Es gilt die Zeichen zu lesen, die nur annähernd einen Sinn offenbaren, den es hat, wenn Shub-Nigguraths Brut in Koblenz wie Frankfurt als Bomben getarnt ihr Unwesen treiben. Was sie hierher verschlagen hat? Gibt es mehr als Fressen und Vermehren, das für sie zählt? Wir wissen es nicht, werden aber schon hineingezogen in eine Geschichte, die uns vielleicht lehrt die Bombe zu lieben, denn es mögen doch weitaus größere Gefahren im Universum lauern, als unser menschlicher Verstand begreifen kann.

In aller Kürze : Statt Fakten über die Weltkriegsbombe in Frankfurt, hier eine Fiktion, frei nach H.P. Lovecraft. Ein gewisser Dr. Bromme begibt sich mit seiner Kollegin Anke Wiesental nach Frankfurt. Dort angekommen erhalten sie in einer der eingerichteten Notunterkünfte einen Hinweis von einem der evakuierten Anwohner, der sich als Kontaktmann des Miskatonic-Netzwerkes herausstellt. Steckt hinter der Bombe eine Verschwörung von Kultisten, welche mit den übermenschlichen Mächten der sogenannten Großen Alten in Kontakt stehen? Nur der engste Kreis um den Kampfmittelräumdienst ist eingeweiht, dass es sich bei der vermeintlichen Bombe weniger um einen Sprengkopf, als einen Abkömmling der Überirdischen handelt. Bromme und Wiesental können einen Kultisten enttarnen, der offenbar versucht, die Brut zu schützen. Was vorher Verbündeten in Koblenz gelungen ist, soll auch in Frankfurt geschehen: Die Aufmerksamkeit der Großen Alten nicht zu erregen und von der menschlichen Zivilisation abzulenken.

Wer weiß, wie es enden wird? Was aufsteigt, mag wieder versinken, und was versunken ist, mag wieder auftauchen. Grässliches wartet und träumt in der Tiefe, und der Zerfall breitet sich aus in den unbeständigen Städten der Menschen. (H.P. Lovecraft, Der Ruf des Cthulhu, 2008 [1928])

Bombenstimmung

Seit acht Uhr kontrollierte die Polizei die Häuser in der Sperrzone. Bis auf einige renitente Anwohner, hielten sich die meisten an die Vorgaben der Behörden und verließen das Sperrgebiet. Mit Sonderausweisen ausgestattet, mischten sich zwei Personen unter die Evakuierten auf dem Frankfurter Messegelänge, wo, neben der Jahrunderthalle und in der Fraport Arena, viele Menschen unterkommen konnten. „Gestatten, Dr. Bromme, ich suche einen gewissen Alexeij, er muss hier mit einem der Busse angekommen sein?“ Die Dame an seiner Seite ist weniger zurückhaltend. „Alexeij?“ Er winkte weiter hinten. Während die Beiden sich ihm näherten, lächelte er freundlich, aber die Anspannung hinter seiner Mimik ließ sich kaum verbergen. Erst als sie neben ihm Platz nahmen und er sich kurz versicherte, dass ihnen niemand zuhörte, begann er mit leichtem Akzent zu sprechen. „Hat die Miskatonic sie geschickt?“ Beide nickten. Er seufzte leicht. „Gut, ich hätte nicht gedacht, dass ich dieser Tage auf das Netzwerk zurückgreifen muss, aber die Ereignisse in Koblenz haben mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Gehe ich recht in der Annahme, dass auch hier…?“ Bromme hielt ihm sein Smartphone entgegen. Die Augen Alexeijs verengten sich, sein Lächeln wurde steifer. „Wir waren dort, haben das Junge gesehen, es war fast, wie soll ich sagen, geschlüpft?“ Er sieht Wiesental an. „Wir wissen nicht genau, wie alt diese Abkömmlinge sind, noch nicht einmal mit Sicherheit, ob es tatsächlich Kinder der Schwarzen Ziege der Wälder sind.“ „Schwarze Ziege?“ „Ein anderer Name für jene Daseinsform, die wir Shub-Niggurath nennen“, ergänzte sie. Alexeij schwieg einen Moment, denn ein Sanitäter drehte seine Runde. Kaum war dieser außer Hörweite, fuhr er fort. „Sie müssen sich beeilen, unsere Freunde bei der Stadtverwaltung haben ihr Möglichstes getan, damit sich alles hinter der Arbeit des Einsatzteams verbergen kann. Ich weiß, dass sie Spezialisten sind und alles geräuschlos über die Bühne gehen lassen, aber diesmal ist äußerste Vorsicht geboten, denn unsere Gegner haben den Fund schon lange vor uns registriert.“ Er gab Bromme und Wiesental einen Datenstick aus seiner Hemdtasche. „Hier finden sie alle Angaben zu Größe und Alter des Jungen. Sie können sich vorstellen, dass alles nichts mit 1945 oder anderen Zeitangaben zu tun hat. Mehr habe ich nicht zu bieten, aber wenn es stimmt, dass sich das Wesen schon bewegt hat und die Kultisten ihre Lieder vorbereiten, bleibt nicht viel Zeit.“ Wortlos standen sie auf, verabschiedeten sich flüchtig und verließen die Halle.

Draußen, ein neuer Strom von Evakuierten zog vorüber, blieben sie noch einmal stehen. „Sie wissen, Frau Wiesental, dass wir nicht zu Ehrenbürgern ernannt werden, wenn wir Erfolg haben. Im Gegenteil, wir müssen unsere Arbeit still wie diskret absolvieren.“ „Gewiss doch, schließlich habe ich einige Zeit unsere Kommunikationsabteilung geleitet. Für Ablenkung ist auf jeden Fall reichlich gesorgt und was den Ruhm angeht, bin ich zufrieden genug, wenn wir es nicht mit ihr persönlich zu tun bekommen.“ „Ihr? Aha, also vertreten sie auch die These, dass die Entität, die wir Shub-Niggurath nennen, weiblichen Geschlechts zu sein scheint?“ Die Autotüren wurden geschlossen. Sie fuhr los. „Aufgrund der ihr zugeschriebenen Funktionen, bleibe ich bei zweigeschlechtlicher Begrifflichkeit, aber um ehrlich zu sein, lehrt mich die Erfahrung, dass jeglicher Versuch hier Geschlechter zu bestimmen, in die Irre führt.“ Etwas enttäuscht wandt er sich den Daten zu. „Hmm, schade, ich hätte mich darüber gefreut, noch etwas Mithilfe bei der nächsten Konferenz zu haben. Schließlich sind die beiden Abkömmlinge für mich ein Hinweis, dass Shub-Niggurath, sei es zufällig, sei es geplant, die menschliche Gesellschaft als Brutkasten anderer Art zu gebrauchen gedenkt. Hier hilft eine Eindordnung von ‚weiblicher Strategie‘ vielleicht weiter?“ Sie lachte. „Wenn sie schon soweit sind, von einer Strategie zu sprechen, warne ich davor, hier menschliche Geschlechter mit ins Spiel zu bringen. Erstens erleichtert es die Sache nicht, zweitens glaube ich kaum, dass wir Erfolg haben werden, wenn wir uns mit einer ‚Mutter‘ anlegen.“

Weitere Einlassungen hielt Bromme für nicht notwendig, denn insgeheim war er auf der Suche nach Verbündeten, die ihn und seine Theorien über die Großen Alten unterstützen, aber nicht um jeden Preis. Vor allem nicht den von unnötigen Spekulationen, im Angesicht drohender Gefahr. Es war schließlich – hier zeugte die Eindordnung als größte Bombenentschärfung seit der Gründung der BRD doch von einiger Wahrheit – kein Leichtes mit der Brut eines Großen Alten fertigzuwerden. Was, wenn sogar Shub-Niggurath eingreifen würde? Angeblich konnte sie, es, was auch immer, mehrdimensionale Realpräsenz entfalten und an mehreren Orten, in mehreren Realitäten gleichzeitig sein. Ihm kamen Vogelmütter in den Sinn, die gleichzeitig dutzende Nester besuchen, die Kleinen mit Nahrung versorgen und beschützen konnten. Ein hinkender Vergleich und doch, eine in diesem Falle grausige Vorstellung.

Ihre Ausweise ließen sie mühelos ins Sperrgebiet reisen. Es ging vorbei an Polizeikräften, kleinen Bussen und den obligatorischen weiß-roten Absperrbändern, Richtung Campus Westend. Anlässlich einer Baustelle war dort offenbar die Brutstätte oder der Lagerplatz ausfindig gemacht worden. Messungen hatten ergeben, dass der über eine Tonne schwere Behälter mit einer abnormen Masse gefüllt war, die der psychophysischen Kennung von Shub-Niggurath zu 75% entsprach. Ein sehr hoher Wert! Das dunkle Junge in Koblenz hatte bloß einen Wert von 68% gehabt, was schon als neuer Rekord verbucht wurde. Entgegen der Meinung populärer Kultur und der vielen Nerds, die sich in den sozialen Medien tummeln, sind Sichtungen oder Begegnungen mit Zeugnissen oder gar Lebensformen, die in irgendeiner Verbindung mit den Großen Alten stehen, vergleichsweise selten. Selbst die Kultisten hatten sich seit der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges nur vereinzelt gerührt. Erst die Wahl des 45. Präsidenten der USA schien ihnen wieder Auftrieb gegeben zu haben.

Es gab Mitglieder des Miskatonic-Netzwerkes, die augenscheinlich Kultisten in den inneren Kreisen des Weißen Hauses am Werk sahen. Wobei hier sich verschiedene Fraktionen gebildet hatten. Eine Minderheit ging davon aus, dass es wirkliche Zusammenhänge zwischen dem destruktiven Regierungsstil und kultischer Aktivitäten gibt. Dafür sprachen die Verwerfungen in Syrien, die Katar-Krise sowie die Außenpolitik, dagegen jedoch die Personalpolitik, denn wenn es ein Merkmal war, das jedes Kultisten-Netzwerk innehatte, war es der absolute Zusammenhalt, der fast immer an Fanatismus grenzte. Was gab es auch zu verlieren, wenn irgendwann ohnehin die Vernichtung der gesamten Menschheit drohte? Bromme konnte sich, ebensowenig wie Wiesental, vorstellen was die inneren Zirkel der Kultisten wirklich antrieb. Schließlich konnte doch so unmenschlich keiner sein, die Profiteure und Zuarbeiter ausgenommen, das Ende der gesamten Zivilisation zu beabsichtigen. Wohlgemerkt ein Ende, das den Großen Alten so viel bedeutete, als würde ein Kind einen Ameisenhaufen unter Wasser setzen, oder eine Sandburg in sich zusammenfallen. Wenn es auch nur ansatzweise stimmte, was über die Beweggründe und Motive dieser Wesen bekannt war, blieb es fast belanglos weiter darüber nachzudenken.

Frankfurt ist Kult?

Wiesental trat auf die Bremse. Sie deutete auf die Gestalt, die zwischen den Häusern auftauchte. Die Bemerkung, es sei doch wahrscheinlich ein Unvernünftiger, ignorierte sie, öffnete die Tür und ging, die Hand in ihre Jacke führend, auf die Person zu. Diese entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Mann, zirka Mitte Vierzig, in Anzug und Krawatte, leicht blass und mit Blut unterlaufenen Augen. „Danke, dass sie anhalten, sie müssen wissen, ich musste für meine Kanzlei noch Sachen aufarbeiten und habe wohl die ganze Sache vergessen.“ „Welche Sache? Was meinen Sie?“ „Na die Bombe natürlich, Bescheid wusste ich schon.“ Wiesental hatte die Hand nun am Griff ihrer Waffe. Keiner gewöhnlichen natürlich, denn sie war mit speziellen metaphysisch-physischen Projektilen ausgestattet. Es war schließlich nie sicher, wie weit die selbsternannten menschlichen Diener der der Großen Alten schon besondere Fähigkeiten ausgebildet hatten. „Die Polizei hat überall geklingelt. Reden sie keinen Unsinn. Sie müssten schon längst abgeführt sein“, rief Bromme aus dem Auto. Der Mann schüttelte den Kopf. „Der Fall ist wichtig. Ich hatte die Klingel abgestellt und in hinteren Zimmern Akten bearbeitet. Es geht hier um viel, das können sie sich als Nichtjurist gar nicht vorstellen.“

Hatte sie das Blitzen in seinen Augen gesehen? Ein Dolch flog durch die Luft, genau auf sie zu. Bromme erstarrte, sah ihn etwas werfen und in der nächsten Sekunde prallte die Klinge an der verstärkten Frontscheibe ab. „Subb-haqqua Nyarlathotep“, brüllte der Mann mit einer Stimme, die jenseits von dieser Welt zu sein schien. Wiesental war jedoch ausgewichen, denn das monatelange Training hatte seine Spuren bei ihr hinterlassen. Ein paar Haare nahm die Klinge mit, aber ansonsten fiel sie wirkungslos auf den Asphalt. Der Anzugträger stürzte auf den Wagen zu, aber kam nicht weit. Ein schallgedämpfter Schuss war zu hören und Wiesental hatte ihn niedergestreckt. Bromme stieg aus und lief auf sie zu. „Alles in Ordnung?“ Sie nickte und beide starrten auf den zuckenden Körper. Alles außer dem Anzug löste sich unter Zischen auf, denn offenbar war die Kontamination mit Nyarlathoteps übermenschlicher Kraft schon weit fortgeschritten. Es blieb nur ein süßlich-riechender Qualm übrig. Um den Abfall sollten sich die herannahenden Rettungskräfte kümmern, denn sie hatten schon genug Zeit verloren. „Wir sind auf der richtigen Spur, wenn jetzt schon Attentäter vor Ort sind. Vielleicht hat es mit der Brut hier mehr auf sich, als gedacht?“ „Glauben sie, der Mann ist wirklich Anwalt oder eben Jurist gewesen? Warum diese Tarnung?“ „Ich weiß es nicht, Dr. Bromme, aber fest steht, dass Kultisten gerade gesellschaftlich sehr bis vermeintlich angesehene Berufe ergreifen, um ihren Einfluss geltend zu machen. Es kann auch sein, dass eine regional typische Tarnung gewählt wird. Nicht unmöglich, dass dieser Mann tatsächlich bis vor wenigen Stunden noch für eine Kanzlei in der Sperrzone gearbeitet hat, bevor er aktiviert wurde.“ „Na, dann können wir vielleicht noch einen Immobilienmakler oder Finanzberater erwarten. Wie lustig!“ „Jedenfalls war das kein Beeinflusster oder ein Handlanger. Sehen sie das Loch in der Scheibe? Sie ist dreifach gepanzert und doch hat er die erste Schicht völlig und die zweite fast ganz durchschlagen. Das schafft kein normaler Mensch.“ Sie dachten beide über die Worte des Angreifers nach. Nyarlathotep war so etwas wie der Außenminister der Großen Alten, denn er nahm sichtbare Gestalt wie Präsenz an, erschien auf der Erde als dunkler Pharao oder schwarzer Mann und kommunizierte wie interagierte rational nachvollziehbar mit Menschen. Ob beauftragt oder in eigener spielerischer Absicht handelnd, war er oder es der Kulminationspunkt der kultischen Aktivitäten, denen leider auch immer wieder menschliches Bewusstsein zum Opfer fiel. Es war nicht das erste Mal, dass sie einem seiner Anhänger begegnet waren, aber für Bromme erst die zweite Zusammenkunft mit Mordabsicht und für Wiesental die erste.

„Was, wenn das nur eine Verzögerungstaktik gewesen ist?“ „Nur die Ruhe, wir sind gleich da“. Der Himmel über dem Campus Westend hatte sich unnatürlich verfärbt, als wenn mehrere Regenbögen sich mit Gewitterwolken gepaart hätten. Es war merkwürdig, denn obgleich schon der Herbst augenscheinlich den Sommer verdrängte, hätte dieses Wechselspiel von kalten Winden mit starker Sonne, auf mehr als nur einen bedingten Klimawandel schließen lassen. Bromme und Wiesental vermochten diese Wetterumschwünge zu deuten, denn sie gingen oft einem Eingreifen oder einer bescheidenen Einflussnahme der äußeren Götter auf die Welt voraus. Warum sie das taten? Keiner wusste es? Was hatte es für einen Sinn, einen Abkömmling in der Mainmetropole zu hinterlassen? Gab es in Mitteleuropa nicht bedeutendere, weitaus energiegeladenere Orte? Das Problem mit der angewandten Metaphysik war, dass sie mehr Fragen aufwarf, als Dinge zu erklären. Wiesental hatte es einmal mit einer Metapher ausdrücken können. Stellen sie sich vor, sie gehen über eine Wiese, auf der die verschiedensten Arten von Insekten leben. Sie wollen die Wiese überqueren, weil dort Jemand auf sie wartet, es auf ihrem Weg liegt, oder aber, weil sie einfach gerne, meinetwegen barfuss, über Gras laufen. Versuchen sie nun, nur für einen Moment, sich in die Insekten und den Mikrosmos unter ihren Füßen hineinzuversetzen. Wissen diese über ihre Motive Bescheid? Können diese nachvollziehen, warum einige von ihnen zertreten, andere in Panik versetzt und die Nester wie Netze von Dritten zerstört werden? Damit haben sie eine leichte Ahnung, wie es ist, das Wirken der Großen Alten in unserer Welt begreifen zu wollen.

Entschärfte Brut und leere Bomben

Von den zwei Menschen des Kampfmittelräumdienstes geführt, erreichten Bromme und Wiesental den Umkreis der Baustelle. Das Auto hatten sie etwas entfernt geparkt, obwohl der Sensor im Innenraum ihnen wohl noch gute Dienste geleistet hätte. Offiziell waren die Eingeweihten nun mit der Entfernung der drei Zünder und dem Sprengstoff beschäftigt. „Hier ist das Spezialwerkzeug, das sie angefordert hatten, Doktor Bromme!“ Die seltsamen Farben verdichteten sich hinter der Umzäunung der Baustelle . Soeben machte einer der Spezialisten über Funk Meldung. Sie waren jetzt zu viert und näherten sich dem Ziel. „Es ist bis jetzt alles ruhig geblieben. Der Behälter hat sich nicht geöffnet. Aber die Messgeräte schlagen aus und spielen verrückt.“ „Haben sich Menschen dem Ziel genähert. Also, sie wissen wen ich meine?“ Der Spezialist schüttelte den Kopf. „Die Sicherheitskräfte leisten ganze Arbeit. Keine Sorge.“ Bromme beruhigte das gar nicht. „Was ist mit transdimensionalen Materialisationen, oder Verzerrungen der Raum-Zeit?“ „Glauben sie mir, Doktor, ich kenne die Checkliste in- und auswendig, aber ich konnte, bis auf den Anstieg der psychophysischen Strahlung nichts Ungewöhnliches…“ Ein Keuchen. Der Vorausgegangene hing in der Luft, über der Grube. Er schwebte leicht und es war, als würde ihm die Luft abgedrückt. Schnell hatten sie sich aufgeteilt. Wiesental von rechts, Bromme von links und der andere frontal. Die angebliche Bombe, das Metallgehäuse, hatte sich ebenfalls in die Luft erhoben. Es war ein Klirren zu hören, wie aneinander geriebenes Glas. „Könnte es sein, dass es schlüpft?“ Wiesental gab Zeichen und schnell öffneten sie die Transportbehälter. Das Metallding hatte etwa dreißig Zentimeter vom Boden abgehoben. Der Mann röchelte. „Unterbrechen, unbedingt das Feld unterbrechen!“ Schnell schob Wiesental zwei Zylinder ineinander und betätigte einen unsichtbaren Knopf. Ein Surren ertönte, kurz und laut. Das Klirren verstummte, der Schwebende sackte auf den Boden. Sein Kollege war bei ihm und begann ihm eine Flüssigkeit zu verabreichen. Bromme zog etwas hervor, was wie eine große Triangel aussah und klopfte mit Schwung gegen den Metallbehälter. „Ich wollte das schon immer ausprobieren“, rief er. Wiesental war jedoch konzentriert und richtete den Zylinder jetzt auf den Metallbehälter.

Beide bemerken die Gestalt nicht, die jetzt hinter einem Baucontainer hervortrat. Sie hatte einen dunklen Overall an, der stellenweise durchlöchert und blutig war. „Nein, nein, lasst es in Ruhe!“ Die Frau war dürr, ausgemergelt, krächzte mehr, als zu sprechen. „Ich habe es gefüttert. Ich habe auf es aufgepasst. Lasst es zufrieden. Es ist nicht von dieser Welt!“ Bromme rief dem Mann etwas zu, der von seinem Kollegen abließ und auf die Frau zuging. Währenddessen hatte das Metallgehäuse zu vibrieren begonnen. Mit einem Blitzen wie Klicken begann die Hülle abzufallen. Wiesental und Bromme achteten fast nicht darauf, dass die Dürre und der andere miteinander kämpften, zu faszinierend war der Anblick.

Es heißt, die dunklen Jungen von Shub-Niggurath sind Teile von ihm selbst, wieder andere schreiben über sie, als wären sie wie Kinder oder Nachwuchs, während eine Minderheit sie als Ausscheidungen oder Kot dieser übermenschlichen Wesenheit ansieht. Die schillernde Wucherung, die einer abartigen Koralle glich, sich nun aus dem metallenen Kokon schälte, übertraf jedoch alle Erfahrungen der Anwesenden. In Koblenz war es nur ein kleiner Schatten gewesen, der sich gelöst hatte, doch hier, unter dem Schleier der vermeintlichen Weltkriegsbombe, gab sich eine Brut der äußeren Götter die Ehre. „Unglaublich!“ „Vorsicht Bromme!“ Benommen torkelte er zur Seite und fast hätte ihn der nun sichtbar gewordene Astraltentakel erwischt. Langsam, wie in einer unbekannten Flüssigkeit schwebend, entfaltete sich das dunkle Junge, dabei wieder jenen klirrenden Ton abgebend, der menschliche Sinne in den Wahnsinn treiben kann.

Der andere hatte auf Angreiferin schießen müssen. Fast hätte sie ihm die Augen ausgekratzt, aber offensichtlich, löste sich diese nicht auf. Nein, der Abkömmling schwebte nun auf sie zu. „Wiesental!“ Sie hörte ihn nicht. War sie zu benommen? Schon hatten die Tentakel die Frau gepackt, hoben sie sanft an und zogen sie zu sich heran. „Sie wird verschlungen, wenn wir nichts tun!“ Der Mann schoß, aber die Kugeln schienen durch das Geschöpf hindurchzugleiten, als wäre es eine Art Gallertklumpen. „Wiesental!“ Jetzt hatte sie sich wieder gefangen und betätigte den Zylinder. Das Summen ertönte und die Kreatur ließ die Frau wieder fallen. Sie zuckte zusammen. „Es scheint zu funktionieren. Diese Frequenz scheint es nicht zu mögen. Die Forschungen haben sich also doch bezahlt gemacht.“ „Freuen sie sich nicht zu früh, Bromme“, entgegnete Wiesental. „Ich glaube, es fühlt sich dadurch nur gestört!“ Tatsächlich glitten die Tentakel nun auf sie zu und selbst ein erneuter Laut aus dem Zylinder hielt sie nicht auf.

In Gedanken gingen Wiesental und Bromme ihre Leitfäden durch, denn dies war keine Übung. Die Gefahr vor ihnen, so unrealistisch-real, wie nur etwas sein kann, das sich jenseits des Alltäglichen bewegt, war anders als alles, was sie bisher erfahren hatten. Zwar hatten sie von einem russischen Team gelesen, das in den Achtzigern eine kleine Brut erfolgreich vertrieben hatte, aber Beweise hierfür waren dürftig. Jetzt hatten sie es mit über einer Tonne übermenschlicher Materie zu tun. Tonne? Sie wussten nicht einmal, ob menschliche Gewichtsdefinitionen hier angebracht waren. Was hatte das Junge vor? Von einem Moment auf den anderen entstand ein Wirbel, der die am Boden liegende Frau mit sich zog. Die Tentakel schlangen sich blitzschnell um Wiesentals und Brommes Füße. Sie wurden auf den Wirbel zugezogen, der offenbar ein Portal öffnete. „Bromme, schnell!“ Sie schleudete ihm den Zylinder zu. Um sie herum wurde es bunt. Mit ein paar Griffen hatte er sein Instrument mit Wiesentals Waffe verbunden und aktiviert. Vor ihnen eröffnete sich eine weite Ebene, lila schillernd, es roch anders, alles verzerrt. Erst das tiefe Summen riss sie beide heraus. Sie lagen auf der sandigen Erde. Inmitten in der Baustelle. Die Farben waren fort, wie auch der Abkömmling und die Frau.

Entwarnung?

Die offiziellen Stellen meldeten, dass sich die Entschärfung länger hinziehen würde, Bewohner könnten wohl erst gegen Mitternacht in ihre Häuser zurückkehren. Es war noch einmal gut gegangen, vor allem für Bromme und Wiesental. „Unsere Spezialisten werden wohl noch gefeiert?“ „Hauptsache sie sprengen die Überreste der Kapsel später noch kontrolliert. Nicht auszudenken, wenn Spuren der Brut übrigbleiben und vielleicht weitere Kreaturen, oder sogar die dunkle Mutter anlocken!“ „Dunkle Mutter? Ha, es mag doch sein, ich ziehe sie noch auf meine Seite!“ Sie wollte dem erst einmal nichts entgegnen, denn beide waren erleichtert. Sie mussten jetzt nur noch dem Netzwerk berichten. Es galt viele Daten auszuwerten, Spekulationen anzustellen und abzuwarten, wie es weitergehen würde. Was waren ein paar Stunden mehr und ein paar laute Sprengungen im Vergleich zu dem, was vielleicht alles hätte passieren können? Eine Begegnung mit einem der Nachkommen, also vermeintlichen Nachkommen Shub-Nigguraths, war eines der außergewöhnlichsten Ereignisse, die man sich vorstellen konnte. Zugegeben, wenn man es sich vorstellte. Für die meisten Stadtbewohner, Einsatzkräfte und Verantwortlichen ging dieser Sonntag als der Tag der Weltkriegsbombe in den Strom ihrer Erinnerungen ein.

Weshalb sich denn Gedanken machen, über dunkle Mächte, die Cthulhus, Nyarlathoteps und Yog-Shotoths jener Welten der Phantasie? Es mag doch sein, dass sie nur Phantasma unserer Ängste, Befürchtungen und ein Ausweg sind, mit dem ganz Realen Chaos des Daseins fertig zu werden? Die wirklichen Geschichten, die das Leben schreibt, sind doch genug, oder?

Dem Leben in all seinen Formen eine Alternative zu bieten, eine ständige Opposition gegenüber dem Leben, eine ständige Zuflucht vor dem Leben zu sein: das ist die höchste Mission des Dichters auf dieser Erde. (Michel Houellebecq, Gegen die Welt. Gegen das Leben, 120)

Literatur

  • Michel Houellebecq: Gegen die Welt. Gegen das Leben. H.P. Lovecraft, Köln 2002 (1991)
  • H.P. Lovecraft: Der Ruf des Cthulhu (The Call of Cthulhu), Leipzig 2008 (1928)
  • Sandy Petersen: Bestimmungsbuch der unaussprechlichen Kreaturen, Friedberg 2017 (2014)

Medien

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