„Das Gefühl der Welt.“ Heinz Budes „Macht von Stimmungen“.

Kurz: Heinz Budes im Hanser Verlag 2016 erschienenes Buch ist eine soziologische Abhandlung des „Lobs der Stimmung“. Heinz Budes Versuch einer Soziologe der Stimmungen siedelt den Stimmungsbegriff dabei zwischen Affekt wie Gefühl an und möchte vor allem dessen Bedeutung für die individual- wie gesellschaftskritische Beobachtung betonen. Stimmungen erschließen die Welt und aus der Welt erschließen sich Stimmungen. Dies versucht er mit Blick auf bestimmte Grundstimmungen zu erproben, wie der gegenüber der Spaltung der Gesellschaft in „Antikapitalisten“ und „Systemfatalisten“, der zwischen Etablierten und Außenseitern, zwischen den Generationen, den Geschlechtern und der Gestimmtheit hinsichtlich der Zukünftigen. Weder das individuelle Fühlen allein, noch die kollektive Regung der Masse sind dabei entscheidend, denn für Bude ist Beides in der Stimmung enthalten, in welcher sich der Einzelne zugleich befindet und wiederfindet, mit der er zurechtkommen muss, aber der er nicht völlig ausgeliefert ist. Statt einer klaren Definition bietet Bude nachdenkliche Stimmungstests an, wie die, wenn Etablierte hochmütig gegenüber Außenseitern auftreten, die aufbauende Nachkriegsgeneration sich besser in die pragmatische Generation „Why“ einfühlen kann und mehr Gleichberechtigung von Mann und Frau erst einmal für enttäuschende Erotik sorgt. Ist dies Buch als neue Einstimmung für eine fühlende Soziologie zu verstehen? Wie verhält es sich mit einem Machtbegriff, der nicht nur manipulativ, sondern eben auch aus Stimmungen heraus zu verstehen ist? Was an vertiefenden Analysen hinsichtlich der Effekte von Macht und Stimmung fehlt, macht der einführende wie überblickende Charakter wett, der Lust auf mehr macht, eben nicht nur Stimmungsanalyse, sondern auch Selbstbeobachtung. Ich stimme, also bin ich?

Die Stimmung stellt nicht einfach nur eine Summe von leiblichen Zuständen dar, sondern beherrscht mich als Gesamtgefühl. […] Nur bin ich dabei weder Autor noch Zeuge meiner Stimmung, sondern verstehe mich selbst in dieser oder jener Stimmung. Ich kann nicht aus meiner Haut, trotzdem frage ich mich natürlich, wie lang das noch so weitergeht. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 39)

Angespannte Stimmung: „Heimatlose Antikapitalisten“ versus „entspannte Systemfatalisten“

Mit Rückgriff auf Heideggers Daseinsphilosophie, die Heinz Bude durchaus pragmatisch versteht, wenn es um die „Haltungen zur Welt“ geht, „denen eine bestimmte Stimmung in der Welt entspricht“, soll die Beschränkung eines Stimmungsbegriffes auf ein individuelles Fühlen überwunden werden. Schließlich ist die Stimmung etwas Grundsätzliches, welcher sich niemand entziehen kann. Jeder Mensch der existiert, ist auch ge-stimmt, denn niemand kann nicht nicht gestimmt sein. Eine Wendung der doppelten Negation in eine Position, die Bude von dem konstruktivistischen Psychotherapeuten und Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick (1921-2007) auf Martin Heidegger (1889-1976) ummünzt. Mithilfe einer neuen, fundamentalontologischen Ausrichtung der „Stimmung“ werden seine Beispiele, die er hinsichtlich einer gesellschaftlichen Gereiztheit mit einem Lagerkampf zwischen „heimatlosen Antikapitalisten“ wie „entspannten Systemfatalisten“ beginnen lässt, zu mehr als nur Launen. Sie geben beobachtbare bis objektive Aspekte an die Hand, um fern jeder Stimmungsmache argumentieren zu können.

Stimmungen dürfen allerdings nicht als rein private Zustände und bloß persönliche Empfindungen missverstanden werden. Sie bilden vielmehr als Grundton oder Gesamtfärbung des Auffassens und Erlebens eine Objektivität, die das Ich zu sich selbst herausfordert. (Heinz Bude,Das Gefühl der Welt, 22)

Gleich ob es ratsam ist konstruktivistische Philosophie und fundamentalontologische Existenzphilosophie zusammenzudenken, weil es auch um Wertungen geht, ob nun die Sicht auf Dinge perspektivisch ist, oder die Sicht als Sehendes die einzige Perspektive, hat Bude ein Fundament für die weitere Argumentation gelegt. Eine komplexe Stimmung in der Gesellschaft, die gereizt ist, weil sich offenbar zwei unversöhnliche Lager gegenüberstehen, ist nun mehr als eine Momentaufnahme. Die „heimatlosen Antikapitalisten“ verkörpern damit gut jene Seite einer Enttäuschung, die sich nicht mit Finanzkrisen, Ungleichheit und einer Welt zufrieden gibt, wo „alles besser und schlechter zugleich ist“. Hingegen sind die „entspannten Systemfatalisten“ die andere Seite einer Enttäuschung über die mindestens noch nicht besseren Welt, die in sich gekehrt mehr Weltflucht oder Zurückhaltung annmahnt sowie versucht über den Dingen zu stehen, statt sie zu ändern. Wortreich kann Bude hier zwei Gestimmtheiten vermelden, die sich ebensowenig vertragen, wie gleich in eine neue, auflösende Stimmung überführen lassen.

Die Glasperlenspiele der abgeklärten Beobachtungsvirtuosen provozieren den Engagementwillen der aufgebrachten Weltretter. Man schließt sich sodann gegeneinander ab und jede Seite zieht sich in ihre Blase der Selbstähnlichkeit zurück. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 24.)

Weder die postmoderne Philosophie, die endgültige Wahrheiten scheut, kann hier einen Ausweg bieten, hat sie das Problem eher noch verschärft, noch kann ein Rückzug in Ideologien helfen. Vielmehr sieht Bude das Wetterleuchten einer globalen Gestimmtheit, die sich in der bildenden Kunst wie auch der Literatur niederschlägt. Die „Unerzählbarkeit der Welt“ wird sich wandeln, denn Werke wie die „Kritik der schwarzen Vernunft“ (2013) von Achille Mbembes sind Anzeichen, dass eine globale Orientierung, die eine Stimmung zwischen den Menschen als Menschen zum Anlass nimmt, nicht mehr die Extreme der Weltverneinung oder der naiven Weltbejahung betont, sondern die eines Aufbruchs in neue Grundstimmungen. Ob der Autor hier seinen international ausgerichteten Lektürekanon aufzeigt oder erst einmal aus Gründen des Anfangs eher vage verbleibt, ist nicht zu klären, aber es verbleiben gemischte Gefühle, wenn eine solche Darstellung der Grundstimmung vor dem eigentlichen „Lob der Stimmung“ erfolgt. Erst in den nächsten Kapiteln überführt Bude den Stimmungsbegriff weitsichtiger weg von seinem Platzverweis hinsichtlich der individuellen Empfindung wie Ästhetik hin zu einer kollektiven Ge-Stimmtheit. Wieso hat er schon die neue, globale Stimmung aufscheinen lassen, wenn er erst später darauf Bezug nimmt? Ein Trick, um die Spannung aufrecht zu erhalten?

Gefühle und Empfindungen ermöglichen einen neuen Blick auf die kommunikativen Mechanismen von Vergesellschaftungsprozessen. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 35.

Lob der Stimmung: Vom ästhetischen Ego zum massenphänomenalen Kollektiv?

Der Soziologe vertieft seine philosophische Bestimmung der „Stimmung“. Dies tut er, um aufzuzeigen, dass die Stimmung einmal objektiven Charakter hat und zweitens über die subjektive Ausrichtung hinausgeht. Wie gelingt ihm das? Erneut mit Heidegger, aber auch einer Phänomenologie des offenen Menschen nach Helmuth Plessner (1892-1985) und dem sinnhaften Sprachverständnisses von Otto Friedrich Bollnow (1903-1991). Alle sind für ihn Zeugen dessen, dass der „irritierende Charakter“ der Stimmung im objektiv-subjektiven oder eben „sobjektiven“ liegt. Wobei Bude nicht deutlich genug wird, ob er hier eine vermittelnde Eigenschaft von beobachtbaren Stimmungen meint, oder die Stimmung selbst als grundlegende Kategorie ansieht, die über psychologische Unterscheidungen von Stimmung, Gefühl und Affekt hinausgeht. Er geht mit, wenn es darum geht situationsbestimmte und grundsätzlichere Stimmungen zu unterscheiden, einmal den Wirk- und einmal den Folgecharakter von Stimmungen zu betonen. Stimmungen können sich verstärken, oder abschwächen, sich gegenseitig bedingen, oder auch verhindern. Allerdings beruhen sie für ihn nicht einfach auf einem objektivierbaren Außen, dem ein geschlossenes Inneres gegenübersteht. Hier muss er die Psychologie soziologisch rechtleiten, damit er später auf kollektive Stimmung verweisen kann, die sich aus einem gemeinsamen Erleben ergibt. Schließlich ist Stimmung mehr, als eine Reiz-Reaktions-Analyse und sei sie noch so psychologisch komplex erklärt, oder?

Allerdings droht die Psychologie am Phänomen der Stimmung zu scheitern, wenn sie von der grundsätzlichen Vorstellung des ‚geschlossenen Menschen‘ nicht loskommt, […] Die Stimmung kommt nicht von außen in die Person hinein, sie wird nicht in Besitz genommen und kann nicht beliebig reguliert werden. Die Stimmung liegt vielmehr in der Situation, in der ich mich mit anderen befinde und aus der ich mich selbst verstehe. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 44)

Die Kritik an einer objektiven Psychologie, die das Subjekt als geschlossene Größe betrachtet ist ebenso wichtig, wie die Öffnung zu einer aktiven Stimmung, die aus der Interaktion mit anderen gewonnen wird, wenn es um ein in Stimmungen existierendes Subjekt geht. Dieses Subjekt oder „Ich“ ist dabei mehr von existenziellen Situationen beeinflusst, als von objektivierbaren Zuständen. Was einerseits das „Ich“ als Betroffenes stärkt, indem es durch Situationen gestimmt wird, die es erlebt, ist wiederum eine Abstraktion durch die Hintertür, denn anstatt es mit messbaren Faktoren zu tun zu haben, die Stimmungen als solche ausmachen und dem Nichtpsychologen wenig sagen, verlangt Bude dem Lesenden philosophische Schlussfolgerungen ab, die auch viel voraussetzen. Ist Jean-Paul  Sartres Passivität der Existenz, die sich gerade deshalb auf Stimmungen des sozialen Raumes einlassen kann, jetzt eine Befreiung aus dem Innenraum hin zur sozialen Stimmung, oder nicht doch wieder eine Spiegelung nach Innen? Ohne den Besuch eines philsophischen Seminares vorauszusetzen, wird der Lesende an dieser Stelle erst einmal etwas im Ungefähren zurückgelassen.

Hilfreich soll hingegen wieder die Soziologie sein, denn es geht mit Gabriel Tarde (1843-1904) ins Äußere der Stimmungen, zur Stimmung des Publikums, aus welchem sich wieder Gruppe und Gesellschaft ergeben. Wie wird das gemeinsame Gefühl einer sozialen Welt erzeugt? Durch Medien, die eine gleichzeitige Rezeption von Ereignissen und damit Erregungen ermöglichen, die Leidenschaften wie Interesse wecken. So sind gemeinsame, aktuelle Stimmungen eines Publikums als Keimzellen der Stimmung der Gesellschaft begreifbar.

Die verschiedenen Publika der Gesellschaft bilden Räume der Stimmung, die durch einen gleichmäßigen Strom von relevanten Informationen und gemeinsamen Erregungen aufrecht erhalten werden und das Erleben von Gesellschaft intensivieren. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 50)

Mit den Massenmedien im 19. Jahrhundert demokratisiert sich die Stimmung und kann zu einem Massenphänomen werden. Statt aristokratischer Meinungsbildung entsteht durch „Aktualität, Emotionalität und Visualität“ durchaus auch eine kritische Masse, die sich als Mob oder Pöbel entladen kann. Vom Pulikum ist es bis zur Masse nicht weit, die eben gerade in Zeiten von sozialen Medien und Online-Berichterstattung spontan organisiert wie auch orchestriert werden kann. Während es bei John Locke (1632-1704) noch die städtische Gesellschaft ist, die sich in Clubgesprächen in Stimmung versetzt, ist es bei Tarde die Provinz, die sich über alltägliche Gespräche justiert und wo ebenfalls neben dem Immergleichen plötzlich gereizte Themen auftreten können, die öffentliche Erregung hervorrufen.

So äußert sich die Macht der Stimmung, wie sie in den Meinungen der Leute zum Ausdruck kommt. Da steckt niemand dahinter, da führt keiner Regie. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 59)

Egal ob man der Triade aus Publikum, Masse und öffentlicher Meinung folgt, die Bude theoretisch entfaltet, die Innovation der Stimmung ein eigenes Gefühl zu geben und nicht nur als manipulierbares Objekt stehen zu lassen, ist erfrischend. Schließlich ist die Stimmung dadurch dynamisch, augenblicklich und trotz aller möglichen analytischen Vorsicht auch für plötzliche Wendungen empfänglich. Die Passivität von Ge-Stimmtheit wird wiederum betont, denn die eigene Stimmung ist oft die einer vermuteten Mehrheit. Oder ist es die Mehrheit der Gruppe, zu der man sich zählt, die wiederum Lager bildet, wie die der „Antikapitalisten“ und „Systemfatalisten“? An solchen Stellen wäre es wünschenswert gewesen, Rückbezüge zu vergangenen Kapiteln zu nehmen und vielleicht ein paar zusammenfassende Bemerkungen anzubieten, statt immer neue Befunde, wie eben, dass das Ich im „Rückzug wie im Auftritt“ gestimmt ist, anzubieten. Das würde die Überlegungen sicher abrunden.

Es geht weiter mit Zeugen der kollektiven Stimmung, wenn der Konsum zur alles bestimmenden Größe von Stimmungsschwankungen wird. Der angeführte politische Ökonom Albert Hirschman (1915-2012) hat den Wandel des Konsums nach dem Zweiten Weltkrieg und die einhergehende Konsumenttäuschung zu wahren Stimmungskillern erklärt. Trotz einer „Explosion der Warenwelt“ scheitern die Individuen an der „Reduktion auf privates Glück und persönliches Fortkommen.“ Autos, Kühlschränke, Eigenheime waren in der Nachkriegszeit Grund blühender Konsumstimmung, aber haben die gesamten Erwartungen nicht erfüllt, die an sie verknüpft waren.

Albert Hirschman macht darauf aufmerksam, dass die stillschwigenden Enttäuschungserfahrungen der Konsumenten einen öffentlichen Ausdruck brauchen, damit man fühlen kann, was man fühlt. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 71)

Veränderungen im Konsum oder der Konsumerwartungen verändern folglich die Stimmung, denn statt dem Eigenheim, ist es auf einmal das Engagement für das „öffentliche Glück“ und eine andere Gesellschaft, das zählt. Die 68er Jahre bringen eine Stimmung mit sich, die ebenso wieder verfliegt, nicht nur, weil sich der Konsum wandelt, sondern die Jugendkulturen von Beatniks über Hippies bis zu Punks wohl nur der Enttäuschung Raum bieten, die sich vom Wechsel der einen Ge-Stimmtheit in eine andere sozial bemerkbar macht. Auf Konsum folgt Ernüchterung, folgt Engagement, folgt Enttäuschung, folgt neuer Konsum? Bude widerspricht hier einem einfachen Zyklus der Stimmungen, denn es setzt voraus, dass immer neue Gruppen auftreten, welche die Konsumspirale in Bewegung halten, folglich muss „soziale Mobilität“ stattfinden. Hat der hier der Autor einen antizyklischen Stimmungswechsel oder sogar eine Stagnation vor Augen, die drohen könnte? Ist Stimmung was vorherrscht, oder was wir daraus machen? In seinen folgenden Fallbeispielen der Grundstimmungen von Generation, Migration, Geschlecht und Zukunftsorientierung verbleibt Bude ebenso im mehrdeutigen, wie er es auch bei einem „Prinzip Hoffnung“ bewenden lässt. Genügt das?

Generation, Migration, Geschlecht – alles Stimmung, oder was?

Für Heinz Bude bestimmt sich die Stimmung der Generationen in Deutschland, aus Spannungen zwischen der Generation „X“ und „Y“ sowie einer generellen „Richtlinienkompetenz“ des Jahrgangs 1954. Die Babyboomer und die pragmatische Generation „Why“ haben einiges gemeinsam, wenn sie sich weder zu kurz gekommen fühlen, noch im Wartezustand, weil ihre Ungewissheit etwas mit Neuaufbau und Selbstbewährung zu tun hat. Im Gegensatz zu den 68ern und der Generation X sind „pragmatische Lösungen“ hinsichtlich Lebenslauf, Besitz wie sozialer Mobilität für sie kein fauler Kompromiss.

Diese Beziehung im Sprung über Generationen dazwischen erzeugt durch ein stilles Spiel wechselseitiger Gegenübertragungen eine eigentümlich intime Stimmung. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 87)

Aus „Gegenübertragungen“ speisen sich auch die in folgenden Kapiteln beschriebenen Beziehungen zwischen Etablierten wie Außenseitern und natürlich die von Mann und Frau. Bei den Ersteren sieht Bude die Stimmung vor allem durch die „soziale Zeit“ geprägt, wie ein Rückgriff auf Norbert Elias und John Scotson Untersuchung einer weißen, englischen Arbeitergemeinde aus den 60er Jahren beweist. Hier haben die Außenseiter erst einmal zu Zugehörigen zu werden, obwohl sie gemäß Arbeit, Geschlecht, Ethnie und sozialem Stand dazu gehören sollten. Alle Zugezogenen müssen sich erst bewähren, mit Missachtung zurechtkommen, während die Etablierten Angst haben soziale Ressourcen ausfgeben zu müssen. Doppelte Belastungen entstehen folglich für Beide, denn bei den Etablierte wie Einheimische fühlen sich bedrängt, brauchen jedoch auch den Gegensatz zu beispielsweise Gastarbeitern, um sich aufzuwerten, während die Migrationsgewinner wie -Verlierer sich unter den Migranten herausbilden. Die eigene Zeit in der neuen Gesellschaft wird ebenso verwertet, wie die Geschichte, die erzählt wird, als erfolgreicher Einwanderer oder eben Opfer fehlender Integration.

Deshalb kann es für die Zugewanderten nicht darum gehen, die eigene Zuwanderungsgeschichte zu dementieren, sondern ganz im Gegenteil, sie zu kapitalisieren. Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 99)

Das erotische Kapital von Mann und Frau wird hingegen durch die gesteigerte bis erreichte Gleichstellung in der Gesellschaft eher verknappt, denn für Bude ist das Miteinander der Geschlechter asymmetrisch. Eine „konsensuelle Sexualmoral“ hat die „erotische Automatik“ unterbrochen, die eine scheinbar auch von archaischen Geschlechterverhältnissen bestimmte Ritualität mit erzeugte. Dahingehend verlagert sich die „genussvolle Inszenierung“ von Geschlechtlichkeit und damit auch einer inszenierten Ungleichheit, eher in ästhetische Bereiche. Hier haben Frauen für den Autor mehr Möglichkeiten als Männer, die sich folglich einer Überforderung durch die Frauen entziehen, einmal gleichberechtigter Partner, aber auch männlicher Eroberer sein zu sollen. Selbst gespielte Geschlechterdifferenz verlangt wohl eine gestimmte bis ab-gestimmte Differenzierung.

Ich will mit meinem Geschlecht Wirkung erzielen, mich attraktiv durch Differenzen machen und mich vielgestaltig zur Geltung bringen. Aber dann muss man hinzufügen, dass die Fähigkeit zu solch einer genussvollen Inszenierung nicht gleichmäßig zwischen den Geschlechtern verteilt ist. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 118)

Alle Stimmungsbereiche sind für Bude der Schauplatz von Kämpfen um individuelle wie soziale Ressourcen und folglich ent- wie angespannter Stimmungen. Gefühle spielen eine starke Rolle, wenn es darum geht sich als Generation anerkannt zu fühlen und entsprechend in der Gesellschaft zu wirken, als Migranten dazuzugehören, oder eben als Geschlecht begehrenswert zu sein. Inwieweit hier jedoch Stimmungen Teil des Problems oder der Lösung sind, oder eben Faktor oder Folge, hängt davon ab, ob man Budes Spagat zwischen individueller Stimmung wie sozialer Gestimmtheit folgen kann.

Fazit: Alle Stimmung auf Zukunft?

Die entscheidende Stimmung ist für Bude die Gestimmtheit auf die Zukunft. Hier unterscheidet er zwischen den Ansprüchen einer selbstkontrollierten wie auf Selbstoptimierung abzielenden Gemeinde, den Bewohnern des Silicon Valley, und den neuen Asketen, die sich selbst in eine Enthaltsamkeit zurückziehen. Wiederum sind die Stimmungsextreme typische Gestimmtheiten, die zwischen der Digitalisierung des Alltags und der „existentiellen Reduktion der Wünsche“ angesiedelt werden. Hier gibt Bude den sogenannten „Zukünftigen“ das richtungsweisende Ruder an die Hand. Diese wollen sich von denen absetzen, die völlig überdreht sind, und auch von denen, die sich zurückziehen, denn sie sind „progressiv aus Einsicht, nicht aus Verlangen“. In ihnen sieht Bude wohl eine mögliche Auflösung der gereizten bis konträren Stimmungen, wenn auch antikapitalistische bis systemfatalistische Stimmungen sich aus einem emotionalen Lernprozess heraus für eine Zukunft öffnen, welche bei den Zukünftigen zu einer Synthese aus Analyse, Nachfühlung sowie kreativem Einsatz wird. Die Gestimmtheit auf die Zukunft wird damit weder auf ein Transzendenz- oder ein Immanenzmodell bezogen, denn es geht um die Akteure, die Betroffenen, wie auch die, welche sich in einer Stimmung befinden und sich zugleich mit ihr, aus ihr heraus bewegen.

Es geht offenbar um ein dichtes Leben nach dünnen Prinzipien. Große Absichten, die keine Erfahrungen von Selbstwirksamkeit bringen, sind genauso verpönt, wie das Arrangement mit einem falschen Leben, das die Idee eines wahren Lebens aufgegeben hat. (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 129)

Ohne es explizit auszuformulieren, schließt sich mit der Stimmung der Zukünftigen der Kreis eines Welttheaters der Stimmungen, das eine lesenswerte wie einführende Soziologie der Stimmungen behauptet. Sicherlich wäre eine Art Zusammenführung des Autors hilfreich gewesen, weil anhand der „Zukünftigen“ wohl das Versprechen einer „sobjektiven“ Stimmung eingelöst werden soll, die über das Individuum hinausreicht. Hier wird auch zweierlei abverlangt 1) dem Entwurf der Soziologie der Stimmungen zu folgen und 2) die Beispiele als typische Stimmungen abzutun, die entsprechende Gruppen ausmachen wie auch Wirkung zeigen. Heinz Bude hat hierfür gute Argumente, aber inwieweit die Soziologie seinen durchaus auch als Arbeitsauftrag verstandenen Entwurf annimmt, bleibt abzuwarten.