Michael Blumes „Islam in der Krise“. Säkularisierung, Bildung und die Abkehr vom Öl als Chance?

Kurz: Die im Patmos-Verlag erschienene Schrift des Religionswissenschaftlers Michael Blume bietet einen nüchternen Blick auf den Islam und die Muslime, statt Bedrohungszenarien zu verkünden oder „Religion“ nur als Geistesgeschichte zu verstehen. Es besteht mindestens eine Dreifach-Krise des Islams, wenn die muslimische Bildungskultur kaum kritische Vielfalt wie Lesekompenzen hervorbringt, es der muslimischen Bevölkerung an aktiver Familien- wie Sozialpolitik fehlt und der Wohlstand in islamischen Staaten allein vom Erdöl abhängig ist. Ist es ein Zufall, dass diese radikale Religionsmonopole befördern? Zudem ist ein „stiller Rückzug“ zu verzeichnen, denn die oft staatlich organisierte Religionskultur, lässt viele Muslime eher kalt, die sich anders orientieren, oder die Religion nur noch als Folklore im Familienkreis pflegen. Blumes Mahnung ist als Arbeitsauftrag an Muslime wie Nichtmuslime zu begreifen, endlich selbstorganiserte Religion, Religionsfreiheit als Entscheidungsfreiheit wie auch Bildungsvielfalt und soziale Teilhabe konsequent umzusetzen. Dies würde den Radikalen das Wasser respektive Erdöl abgraben, wenn auch eine Wende in der Erdöl- und Energiepolitik als Religionspolitik anderer Art angesehen werden kann. Blume bietet kein religionswissenschaftliches Patentrezept, aber viele Anregungen, auch für die Praxis, damit Islamdebatten in Zukunft ein Krisenszenario berücksichtigen, das eine der „vielen Geschichten“ verkörpert, an denen sich säkulare Gesellschaften bewähren können, oder sogar müssen.

Der Weg in die Krise: „Stiller Rückzug“ statt lauter Muslimisierung.

Viele Menschen in Deutschland können mit dem Islam wenig anfangen. Eine Religion, die in Europa mindestens seit dem 8. Jahrhundert ansässig gewesen ist, wird von über der Hälfte der Deutschen als Bedrohung empfunden. Oft schwanken allerdings schon die öffentlichen Zahlen, ob es nun 3,8 oder 4,3 Millionen Muslime sind, oder wie deren religiöse Zuordnung nun zu verstehen ist. Sind alle Tunesier Muslime? Gehören die Aleviten zum Islam, obwohl sie selbst ausgegrenzt werden? Schnelle Antworten scheinen hier nicht weiterzuführen. Der Religionswissenschaftler Michael Blume will dieser Skepsis bis Angst eine nüchterne Analyse der islamischen Zustände entgegnen, die das Bild einer Religion bis Gemeinschaft in der Krise zeichnen. Für ihn ist ein Indiz für die „Krise des Islams“ vor allem ein zu beobachtender „stiller Rückzug“ der Muslime. Dieser erfolgt zu Beginn über eine strengere Statistik, die Mitgliedschaft zu einem Kriterium als Muslimin oder Muslim eingestuft zu werden voraussetzt, und nicht über die Geburt oder ethnische Herkunft erfolgt. Allein dies würde die Anzahl der offiziellen Muslime rapide schrumpfen lassen.

Würde man beim Islam in Deutschland in Deutschland das gleiche, strenge Kriterium anlegen wie beim Christentum, wären nur noch die etwa 20 Prozent der ‚Muslime‘ zu zählen, die tatsächlich einer Religionsgemeinschaft angehören und dafür Beiträge entrichten. Die Zahl der ‚Muslime‘ würde auf etwa eine Million Menschen und nicht einmal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung zusammenschrumpfen! (Michael Blume, Islam in der Krise, 15)

Die Differenz zwischen einer Entscheidungs- und einer Geburtsreligion ist hier ebenso entscheidend, wie das Verständnis von Religionsfreiheit, welches in den säkularisierten bis modernen Christentümern auch einen Austritt aus der jeweiligen Kirche und Religion vorsieht, ohne gleich soziale Repressionen oder Sanktionen nach sich zu ziehen. Spätestens seit dem 11. September und einer folgenden Repolitisierung wie Homogenisierung eines Islams unter Terrorverdacht, verschwimmen diese wichtigen Kriterien. Vorstellungen eines „wahren Glaubens“ (fitra) im Islam begünstigen hier keinen Religionswechsel per se oder gar eine proaktive Entscheidung Muslim zu sein, oder nicht. Denn dies wäre eine Art „politischer Verrat“.

Wirkliche Religionsfreiheit konnte damit nur noch für Nichtmuslime bestehen; wer einmal in den Islam hineingeboren oder eingetreten war, riskierte durch einen Glaubensverlust oder -wechsel sein Leben. (Michael Blume, Islam in der Krise, 18)

Natürlich musste das Verständnis von Religionsfreiheit in einem modernen Sinne auch über Renaissance, Reformation wie Aufklärung erkämpft werden, ging jedoch in der Entwicklung der Christentümer mit einem Verständnis persönlicher Freiheit einher, die im Islam eher mit einer Solidarität mit der Umma (Glaubensgemeinschaft der Muslime) verbunden wurde. Hier steht eine Fausformel von „einmal Muslim, immer Muslim“ der Lebensrealität vieler Muslime gegenüber, die Blume, mit Rückgriff auf den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung von 2008, einer Pew-Studie von 2013, wie auch einer emnid-Befragung unter türkischstämmigen Menschen in Deutschland von 2016, als weniger streng, kombinatorisch und irrelevant für die Praxis ausweist (30-31). Wird die kulturelle Herkunf zu einer religiösen Gruppenzugehörigkeit und die Religion zu einem Lippenbekenntnis? Hier sieht Blume klare Säkularisierungsprozesse am Werk, die im Verborgenen wirken und von Abgrenzung bis hin zu Umorientierung reichen, was einer muslimischen Öffentlichkeit (oder angenommenen Öffentlichkeit) ebenso unbekannt erscheint, wie den religiösen Autoritäten.

Tatsächlich verdecken offizielle Statistiken, die ‚geborene Muslime‘ mit beitragszahlenden Kirchenmitgliedern vergleichen, den massiven Glaubens- und vor allem religiösen Praxisverlust in der islamischen Welt. Während die Säkularisierung in den christlich geprägten Gesellschaften mit jeder nicht vorgenommenen Taufe und jedem Kirchenaustritt vollzogen wird, werfen die Angaben zu ‚Muslimen‘ religiös Fromme und Engagierte mit religionskritischen Agnostikern und Atheisten islamischer Herkunft in den gleichen Topf. (Michael Blume, Islam in der Krise, 33)

Für Blume wird die Kirchen- oder Religionsmitgliedschaft hier als freie Entscheidung wie Zugehörigkeit von einer Zurechnung durch Geburt unterschieden. Allerdings wertet er weniger kritisch, dass auch die Taufe als von den Eltern bestimmte religiöse Vorentscheidung wie auch die vom Staat durch Steuern gesicherte Kirchenmitgliedschaft die freie Entscheidung einschränken (14). Die Wahl der Eltern prägt hier die erste Zordnung der Kindern, mindestens bis zum 14 Lebensjahr, außerdem ist die Kirchensteuer nicht vollumfänglich als freier Mitgliedsbeitrag zu begreifen, sondern eine staatliche Zuordnung zu einer Religionsgemeinschaft, die durch elterliche vor- und damit auch Fremdbestimmung nur mittels Negation, also Aus- wie Übertritt vorgenommen werden kann. Die Freiheit des Individuums hinkt auch hier, wenn ein ideal von aktiver Wahlfreiheit vorausgesetzt werden sollte. Trotzdem ist die weitere Zuspitzung fehlender „islamischer Selbstorganisation“ ein wichtiger Punkt, der die Religionsfreiheit im Islam als Freiheit unter Religionsverdacht als Bärendienst gegenüber einer gelebten, zivilgesellschaftlichen Praxis darstellt. Für Blume gibt es zwischen einer „idealisierten Umma“ der konservativen bis strenggläubigen Muslime sowie eines „Staatsislam“, den liberale wie reformorientierte Muslime durch ihre Kritik an den politischen Verbänden vorantreiben, wenig Raum für eine zivilgesellschaftliche Organisation. Wie attraktiv ist ein Islam für Gläubige aller Art, der entweder aus der Türkei oder Arabien fremdgesteuert oder vom deutschen Staat „von oben“ organisiert wird? (37-39)

Eine Umma, die sich nicht zivilgesellschaftlich selbst organisiert, zerfällt oder überlässt ihre Organisation, Finanzierung und Inhalte staatlichen Behörden – und damit der Politik in der alten oder neuen Heimat. (Michael Blume, Islam in der Krise, 40)

Die Privatisierung der Muslime ist so ein Faktor als auch eine Folge von Säkularisierungsprozessen, die mit einem Mangel von Religionsfreiheit, Selbstorganisation, aber auch fremden Ansprüchen einhergeht, die an die Muslime herangetragen werden. Dies lässt Raum für extreme bis radikale Strömungen, die als politische Salafisten oder konservative Islamverbände zwar eine Minderheit repräsentieren, aber für die Mehrheit der schweigenden Muslime zu sprechen scheinen. Muss erst ein engagierter Religionswissenschaftler hier wieder auf Differenzkriterien verweisen, die wichtig sind, um einen ehrlichen Dialog zu führen? Wie viel bleibt von Bedrohungsszenarien einer Islamisierung des Abendlandes übrig, wenn nüchterne Statistik mit einem praxis- wie alltagstauglichen Religionsbegriff verbunden wird, statt religiöse Identität mit Geburt wie Ethnie zu vermischen?

Bildungskrise und Verschörungsglauben im Islam – Zwei Seiten einer Medaille?

Erfrischend anders blickt Michael Blume nicht mit einem mythischen Begriff der Aufklärung oder gar philosophischen Vernunftbegriffen auf den Islam, sondern verweist auf eine weitreichende Entscheidung,die im Jahr 1485 getroffen wurde. Als der Buchdruck in Europa seinen Siegeszug begann, entschieden der Sultan Bayasid II. und die mit ihm verbundene geistliche Lehrelite (Ulema) 1485, dass der Druck arabischer Lettern ein Verbrechen sei und sogar mit dem Tod bestraft werden konnte. So endete die islamische Hochzeit des Wissens eben nicht mit dem Einzug der Mongolen, oder mit der Rückeroberung Andalusiens, wovon die Expansion des Islams im 15. Jahrhundert in Indonesien zeugt, sondern mit der Entscheidung gegen das Lesen, die Verbreitung von Schriften durch die massenhafte Verbreitung von Texten und das Verbot von Druckerpressen (53/54).

Doch aus Sicht des Sultans und der mit ihm verbundenen islamischen Gelerhten – der Ulema – gab es auch gewichtige Einwände gegen diese Maschine. Seit der Niederschrift des Korans galt das sorgfältige Schreiben und lesende Rezitieren arabischer Zeichen als geheiligte Ausbildung, die eine jahrelange Ausbildung voraussetze. Auch wurden wichtige Überlieferungen und Nachrichten mündlich weitergegen und in jedem Dorf kannte man jene Weisen, deren Wort besondere Glaubwürdigkeit besaß. (Michael Blume, Islam in der Krise, 55)

Diese Entscheidung für die traditionelle, elitäre Überlieferung hatte zur Folge, dass das Wissen und die Bildung in der islamischen Welt „erstarrte“, während in Europa der Buchdruck, die massenhafte Verbreitung der „heiligen Schrift“ sowie das Lesen und Auslegen eine Art Bildungsboom hervorrierf. Hier ist für Michael Blume das evangelische Pfarrhaus die Keimzelle einer Lese- wie Schriftkultur, was er auch daran festmacht, dass es immer der Gemeinde gehörte und die evangelischen religiösen Spezialisten vor allem eines ihren Kindern vererbten: Bildung. Hier zählen für ihn vor allem die Abkömmlinge von Pfarrerskindern, die als Politiker, Ärzte, Literaten, Mediziner und mehr das „Bildungsbürgertum“ ausmachen (58/59). Dabei geht Blume auf die dunkle Seite eines Kulturprotestantismus nicht ein, der sich eben auch in Dogmatismus, moralischem Rigismus sowie einer Ausrichtung an deterministischem Erfolg als Zeichen göttlicher Gnade orientierte. Michael Hanekes „das weiße Band -eine deutsche Kindergeschichte“ (2009) gibt hierfür ein filmisches Zeugnis jüngeren Datums ab. Zwar relativiert Blume mehrfach einen „christlichen Hochmut“, indem er auf die Wissenschaftsfeindlichkeit wie auch dogmatische Stagnation christlicher und jüdischer Gemeinschaften, wie der Amish, der Haredim oder der Zeugen Jehovas zu sprechen kommt (66/103), aber ist die folgende Beschreibung fehlender dynamischer islamischer Bildungsinstitutionen nicht auch auf alle Religionsgemeinschaften zu übertragen, die sich kritischer wie auch vielfältiger Bildung verweigern, beispielsweise die Evolutionstheorie ebenso zu widerlegen versuchen wie soziale Einflüsse auf Religion?

Die einst ehrwürdigen islamischen Bildungsinstitutionen wie die Madrasa-Koranschulen erstarrten in alten Methoden und Inhalten und können auch heute ihren Absolventen oft kaum mehr bieten als Grundkenntnisse in arabischem Lesen und Schreiben sowie islamischer Theologie, eine von der Trauer um vergangene Größe, Opfer- und Verschwörungsglauben geprägte Weltanschauung und ein von Armut und erstarrten Dogmen geprägtes Leben. (Michael Blume, Islam in der Krise, 60)

Selbst die Lockerung des Buchdruckverbotes für nichtreligiöse Schriften konnte 1727 keine Trendwende mehr einläuten, denn Analphabetismus, fehlende Lesekompetenzen wie auch die Entfernung des Hocharabischen von seinen Dialekten verhinderten die Ausbildung eines entsprechenden Bildungs- wie Wissenstransferraumes. Michael Blume macht diese Bildungsmisere an konkreten Zahlen fest, wenn immer noch nur ein paar hundert Bücher jährlich ins Arabische übersetzt werden, die Patenanmeldungen des gesamten arabischen Raumes 2013 mit 1800 nicht einmal die Hälfte der Patentanmeldungen Israels ausmachen und der erste muslimische Nobelpreisträger der Zensur zum Opfer fiel. Als Angehöriger der Ahmadiyya wurde der Physiker Abdus Salam in Pakistan nicht als „Muslim“ anerkannt (61-63). Wissenschaftliche Bildung wie Ausbildung erliegen in einem der von Blume als „islamische Welt“ charaktiersierten Bildungskontext immer dem fehlenden Literalität, die sich einmal in ein religiös tradiertes Lesen von „heiligen Schriften“ und ein Lesen von wissenschaftlich-westlicher Literatur aufspaltet. Diese „‚doppelte Literalität'“ führt dazu, dass Moscheegemeinden folglich keine Orte der Vermittlung wissenschaftlichen Wissens sind und „ein Graben zwischen Bildungskulturen“ in der muslimischen Welt entsteht, der nicht einfach aufzuholen ist. Ob es sich Michael Blume mit der subtilen Forderung nach einer Lese-Reformation des Islamim westlich-säkularen Sinne aber nicht ebenso zu einfach macht, wie das er die gesamte Bildungskrise des Islam auf das Ereignis 1485 zuspitzt, wird zu diskutieren sein.

Wichtig ist, dass die Bildungskrise sich mit einem einem dadurch strukturell bedingten Verschwörungsglauben verbindet. Schließlich ist die Krise der eigenen Kultur nicht hausgemacht, wenn sie unter einer Superverschwörung (al Mu’amarah) zu leiden hat. Das Selbstbild der „subjektiv machtlosen“ Muslime ist von einem Glauben an eine jüdische, westliche, antiarabische Verschwörung geprägt, die Ausbeutung wie Abhängigkeit erklärbar macht. Die kulturelle Praxis  des Lesens von Büchern zur Förderung „abstrakten, skeptischen und individuellen Denkens“ und eine Diskussionskultur, die in „unpersönlichen Begriffen, Strukturen und Zusammenhängen denkt“ sind für Blume wichtige Grundlagen, um gerade nicht in einen  Mythos des Opfers zu verfallen, der eigene soziale, ökonomische oder kulturelle Konflikte dem Einfluss fremder bis bösartiger Mächte zuschreibt (97).

Auch heute ist Verschwörungsglaube in den westlichen Gesellschaften weit verbreitet […]. Doch in den islamisch geprägten Gesellschaften haben Verschwörungsmythen – teilweise aktiv durch Regime, politische und religiöse Bewegungen verbreitet – sogar die Deutungshoheit über das Weltgeschehen gewonnen. (Michael Blume, Islam in der Krise, 97-98)

Die Bildungskrise ist damit mehr als formeller Natur, denn es geht um Weltdeutungen, die im Islam zu ambivaltenen Einstellungen gegenüber Bildung und im besonderer „westlicher“ Bildung führen. Egal ob das Ringen um einen vermeintlichen akademischen Abschluss des türkischen Präsidenten Erdogan, die innermuslimische An- wie auch Aberkennung der Leistungen der pakistanischen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousefzai („‚Agentin der CIA'“), oder die Tatsache, dass die nigerianische Terrormiliz „Boko Haram“ gezielt mit ihrem Namen „‚Westliche Bildung ist Sünde'“ wirbt, immer liegt der „Verschwörungsverdacht“ in greifbarer Nähe (101/102). Dabei bedienen sich auch radikale Salafisten wie auch der IS moderner Technologien wie Medien und beweisen dabei einiges Geschick. Es stellt sich eben die Frage, ob eine instrumentell-technische Bildung, schon mit einer hermeneutisch-kritischen gleichzusetzen ist, oder nicht? Hier hätte Blume durchaus noch eine generelle „Gretchenfrage“ der Bildung wie Wissenschaft stellen können, indem ein technisches oder praktisches Wissen sowohl für dunkle als auch für helle Seiten von Religion angewendet werden. Praktiken sind in verschiedenen Kontexten anwendbar und technischer Fortschritt nicht a priori aufgeklärt. Schließlich verbreiten sich Verschwörungstheorien gerade über das Internet, finden hier ein Publikum und verlangen wenigstens semi-professionelle Standards.

Im derzeit unter Muslimen verbreiteten Verschwörungsglauben werden das im Westen anwachsende Wissen und die daraus erwachsenen Technologien einerseits begehrt, andererseits aber als diabolisch-verschwörerisch-gedeutet. Entsprechend haben Bildungsaufsteiger einerseits innere Widersprüche aufzulösen, zum anderen aber Verschwörungsvorwürfe aus den eigenen Reihen zu befürchten. (Michael Blume, Islam in der Krise, 103)

Von Widersprüchen, die zu verwörungsmythischen Haltungen führen, ist es folglich zu einem „‚pathologischen Dualismus'“ nicht weit, der eine monotheistischen Religion, die von der Trennung von Böse und Gut, wie dem „Durchbruch zu einem absolut Guten“ geprägt ist, befallen kann. Mit Rückgriff auf Jonathan Sacks wird der Vorrang von einem Glauben an das Böse, der einem Verschwörungsglauben zugrunde liegt, als kennzeichnend für die „Glaubensidentität“ entlarvt, was auch erklärt warum Geschichten des „Weltgeschehen als Wirken einer vom Bösen beherrschten Superverschwörung“ ihre eigenen Märtyrer hervorbringen. Die Attentate auf Jitzchak Rabin in Israel, Martin Luther Kings in den USA, Mahatma Gandhi in Indien, Anwar Sadat in Ägypten wie auch des buddhistischen Ministerpräsidenten von Ceylon, Bandaraneike, erfolgten durch dualistisch aufgeladene, radikale Gläubige, die der Verschwörung des Bösen entgegen wirken wollten (114). Paradox klärt Blume auch darüber auf, dass viele der Verschwörungsmythen, die in der muslimischen Welt Hochkonjunktur zu haben scheinen, Importe aus dem Westen sind. Die Bildungskrise ist demnach so radikal, dass nicht einmal eigene Verschwörungsmythen entstehen konnten. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ über eine jüdische Weltverschwörung, Freimaurerlegenden, die Illuminaten oder „New World Order“-Theorien werden spätestens seit dem 19. Jahrhundert übernommen, während Evolutionsforschung und andere Erkenntnisse zurückgewiesen werden (117/118). Es gelingt Blume, indem er den  ägyptischen Fernsehmoderator Amr Adib als innerislamischen Kritiker der eigenen Religion anführt, der 2016 den Selbstmord im Namen Gottes als religiöse Krankheit ausweist, sowie die Schuld an Extremismus wie Terrorismus durchaus in den eigenen Reihen ansiedelt, hier mehr diagnostisch als belehrend zu formulieren (122). Wie verhält es sich jedoch mit anderen Vorurteilen, die auf Seiten westlicher Verschwörungstheoretiker dem Islam vorgeworfen werden, der Europa und die westliche Welt überrennt, oder mit seinen Ölmilliarden aufzukaufen droht? Auch hier legt Blume den Finger in eine anscheinend offene Wunde.

Sex und Öl – Wie widersprüchlich die Krise des Islam wirtschaftlich und sozial zu Buche schlägt

Die Stärke von „Islam in der Krise“ liegt im besonderen darin, mit einem Demografie-Vorurteil aufzuräumen und Familien- wie Energiepolitik mit Religionspolitik in Verbindung zu bringen. Diese innovativen Betrachtungen sind, auch wenn hier Widersprüche entstehen, ein wichtiger Bestandteil der Krisendiagnose und erlauben es, auch praktische Hinweise zu formulieren, die sich nicht nur in generellen Forderungen nach Reform der Religion oder gar diffuser Aufklärung verlieren. Schließlich widerspricht Blume den literarischen Ausführungen Michel Houellebecqs wie auch Sarrazins, die in Büchern wie „Deutschland schafft sich ab“ (2010) und „Unterwerfung“ (2015) einer Islamisierung durch Geburtenvorteile nach dem Mund reden. Eine vermeintlich religiös-patriarchale Einstellung zu Sexualität, Familie und führe automatisch zu mehr Kindern und über kurz oder lang hätten säkular-westliche Gesellschaften das Nachsehen (124/125). Auf einen ersten Blick ergibt sich, dass die positive Rolle von Sexualität in einem „kontrollierenden Beziehungsgeflecht aus Familie und Gemeinde“ in den Religionen eine große Rolle spielt. Blumes Hinweis auf die Vernachlässigung des Themas „Sex und Religion“ in der Wissenschaft, das sich höchstens textbezogen oder historisch wiederfindet, ist eine wichtige Spitze, welche die Brisanz geradezu unterstreicht.

Keine Weltreligion wäre zur Weltreligion geworden, wenn sie nicht über Jahrhunderte hinweg an ausreichend viele Kinder weitergegeben worden wäre. Und während die Wissenschaft viele Religionsgemeinschaften kennt, die über Jahrhunderte hinweg extrem kinderreich geblieben sind, so ist ihr umgekehrt keine – ich wiederhole: keine – nichtreligiöse Population bekannt, die auch nur ein Jahrhundert lang die sogenannte Bestandserhaltungsgrenze hätte halten können. (Michael Blume, Islam in der Krise, 129)

Diese von Blume zitierte „Beistandserhaltungsgrenze“ (2,1 Kinder, 140) wird jedoch ein wenig zu seiner „heiligen Kuh“ an der er abmessen will, dass sich religionskritische oder atheistische Gemeinschaften bis dato wenig zu ihrer Selbsterhaltung begetragen haben. Dies gilt für antike Bewegungen wie auch für staatsparteiliche Bestrebungen der Geburtenkontrolle in der DDR und China. Obwohl Blume jedoch die Sachlache als komplex beschreibt, weil eben religiöser Traditionalismus nicht einfach das Spiel um den Kindersegen gewinnt, sondern in die „Traditionalismusfalle“ gerät, sind für ihn Geburtenraten scheinbar normativ maßgeblich. Jedoch wieso sollen statistische Bestandserhaltungsgrenzen oder überhaupt schon ein Bestand an Bevölkerung automatisch Qualitätskriterien darstellen? Ist es besser immer auf eine große Bevölkerung zu setzen, oder nicht doch eine kleinere, deren Lebensstandard höher sein könnte? Wie verhält es sich mit der Religion, die doch frei und dem Menschen selbst überlassen werden soll, wenn es jetzt doch ein Geburtenranking gibt? Zudem gilt es vielleicht zu bemerken, dass dezidiert säkulare bis konfessionsfreie Gruppierungen in westlich-freiheitlichen Gesellschaften sich erst zu formieren beginnen. Hier wird Blume eindeutiger, indem er mit dem Beispiel des laizistischen Frankreichs und seiner durchschnittlich hohen Geburtenrate eine aktive wie überlegte Familienpolitik ins Spiel bringt. Traditionell wie patriarchal geprägte Nationen ohne eine solche Familienpolitik stagnieren bis verlieren in demografischer Hinsicht, wie etwa Japan, die Türkei und der Iran (131). Die gezielte Förderungen von Familien ist deshalb der entscheidende Wettbewerbsvorteil, der sich vor allem innerhalb und nicht zwischen Nationen bemerkbar macht, denn ohne diese kann sich auch der konstatierte Geburtenratenvorteil religiöser Menschen nicht bemerkbar machen (133). Blumes Schlussfolgerung, dass „jede Lebenssituation religiös und kulturell unterschiedliche Antworten“ abverlant ist hier eine schlüssiger Fingerzeig, dass patriarchal-religiöse Strukturen, wie Houellebecq und Sarrazin behaupten, eben nicht genügen, sondern es auf Religionsfreiheit plus Familienförderung ankommt.

Damit bestätigt sich inzwischen demografisch, dass ohne Religionsfreiheit – als Freiheit zur Herausbildung lebensförderlich angepasster Religionsgemeinschaften und familiärer Vielfalt – ein Geburtenknick bis tief unter die Bestandserhaltungsgrenze droht. Und genau dieser vollzieht sich gerade in der islamischen Welt. (Michael Blume, Islam in der Krise, 139)

Die „Traditionalismus-Falle“ ist demnach eine Mischung aus fehlendem Wettbewerb religiöser Vielfalt, einem Mangel an kritischer Bildung und auch fehlender „progressiver Familienpolitiken“. Dies führt neben Abwanderung wie mindestens phasenweiser Kinderarmut auch zu einer Verstärkung des „stillen Rückzuges“, der wiederum die Krise entscheidend bedingt (140/141).

Diese Verschärft sich vor allem durch den „Fluch des Öls“ und die damit verbundene Abhängigkeit islamischer Staaten (nicht nur) von Rohstoffen wie auch einer Rentierswirtschaft. Blumes Hinweis auf eine staatliche Politik, welche die eigene Bevölkerung mittels Renten, also Zahlungen ohne bedeutende wirtschaftliche Produktivität wie Diversität, versorgt, ist sehr wichtig, um die Krise auch als solche zu verstehen. Es geht nicht allein um Geist wie Geschichte, wenn sozioökonomische Klientelwirtschaft jegliche staatsbürgerliche Partizipation wie wirtschaftliche Innovation ausbremst (80/81).

Für die Herrschenden in einem Rentierstaat besteht zudem kaum ein Anreiz, beispielsweise das Bildungs- oder Wirtschaftssystem wirklich zu modernisieren und sich damit ökonomisch unabhängige Bürgerinnen und Bürger heranzuziehen. (Michael Blume, Islam in der Krise, 81)

Eine einseitige Wertschöfpung aus Rohstoffen wie dem Erdöl führt dazu, dass sich weder demokratisch-zivilgesellschaftliche Strukturen bilden, noch Arbeits- oder Anerkennungsstrukturen. Vielmehr wird jede Gruppe um den Zugang zu den Geld- sprich Ölquellen kämpfen und der soziale Rang entsprechend Klientel- wie Anteilsverteilungen beigemessen. Die Rentierseinnahmen werden zu einem „goldenen Kalb“, zu dessen Finanzierung alle beitragen, die sich an dieser fossilen Erdölwirtschaft beteiligen (83).

Am Beispiel Saudi-Arabiens verdeutlicht Blume, dass Rentierstaaten mit autokratischen Regimen hinsichtlich der Religion nicht auf Freiheit setzen. Vielmehr ist mit dem Wahhabismus ein Bündnis zwischen Herrscherhaus und Religion entstanden, welches einerseits einen religiösen Extremismus mitfinanziert, aber sich ohne westliche Waffen wie Militärberatung kaum selbst erhalten kann (84/85). Öl als Brennstoff fundamentaler bis radikaler Religion? Zumindest verweist die Doppelmoral westlicher Länder auch auf die gerechtfertigte Kritik von Muslimen, die wie der 2012 verhaftete liberale Blogger Raif Badawi, eher vergeblich auf umfassende Unterstützung hoffen.

Wir beklagen einerseits das Anwachsen islamistisch-radikaler Bewegungen und die sunnitisch-schiitischen Bürgerkriege in Syrien, im Irak und im Jemen, stützen aber gerade das radikalste Regime der Welt. (Michael Blume, Islam in der Krise, 87)

Alle Entwicklungen der Förderung radikaler Religion stehen mit dem Ölpreis und der Erdölwirtschaft in Zusammenhang, denn der „Öl- und Gashunger“ ermöglicht die Beibehaltung eines Rentierstaates, der seine religiös identifizierte Klientel finanziert. Ohne derartige religiös-ökonomische Abhängigkeiten sind muslimische Staaten, hierzu zählt Blume das kleinere Tunesien, wie auch die größeren Staaten Indonesien, Pakistan, oder Bangladesch, gezwungen bildungs- und wirtschaftspolitisch andere Wege zu gehen (89). Dies auch in Hinsicht der Religionsfreiheit? Verhindern Investitionen in erneuerbare Energien, die Abkehr vom Öl und Verbrennungsmotoren die Fundamentalisierung und Radikalisierung von Religion? So weit geht Blume nicht, dass er hier Kausalitäten behauptet, die sicherlich schwer nachweisbar wären. Dass aber Regime, die vor allem auf Rohstoffmonopole angewiesen sind, ebensolche Religionsmonopole herausbilden, ist nicht von der Hand zu weisen. Schließlich muss die Förderung der eigenen Klientel über gewisse Identitätsmarker geschehen, die Uniformität wie Loyalität sicherstellen. Weshalb auch Russland oder Venezuela genannt werden, die Versuchen die Religion politisch für sich zu vereinnahmen (88). Deshalb ist wohl Energie- und Umweltpolitik eine Religionspolitik anderer Art und jeder kann zur Krisenbekämpfung beitragen.

Jede Solar- oder Biogasanlage, jedes Elektrofahrzeug, jede kluge Innovation und Wärmedämmung, jede eingesparte Flugreise und jeder recycelte Wertstoff tragen nicht nur zum Umwelt- und Klimaschutz, sondern auch zur Entgiftung der menschlichen Religionen bei. Niedrige Öl- und Gaspreise senken die Renteneinkommen autoritärer Eliten in Ölstaaten wie Saudi-Arabien und dem Iran bis hin zu Russland und den USA und zwingen sie zu Reformen. (Michael Blume, Islam in der Krise, 149)

Fazit: Die Krise als Chance?

Wer „Islam in der Krise“ folgt, kann auch stellenweise zu dem Schluss kommen, dass die Religion in der Krise ist, wenn es darum geht die richtigen Verhältnisse in der Gesellschaft zu bestimmen, Freiheit zu ermöglichen und Zusammenarbeit zu organisieren. Sicher bleiben gewisse kinderreiche Vorteile von religiösen in einer Zivilgesellschaft, die aktive Familienpolitik betreibt. Der „statistische Topf“ und der „stille Rückzug“ könnten ebenso auf christliche wie andere Religionen angewendet werden, wenn es fraglich bleibt, ob die von Blume mit Recht eingeforderte Entscheidungsfreiheit für wie gegen Religion schon mit dem geltenden Religionsverfassungsrecht erfüllt wird. Wie sieht die Lebenspraxis tatsächlich aus, wenn Kinder erst mit 14 Jahren entscheiden können, bis dahin aber die Eltern oftmals für sie entscheiden? Was bedeutet es für eine freie, selbstorganisierte Religion, dass der Staat noch ihre Mitgliedsbeiträge in Form von Kirchensteuern eintreibt und das religiöse Personal aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird? Sind hier nicht auch noch Elemente einer Staatsreligion vorhanden, die es liberalen Muslimen oder Reformorientierten nur angemessen erscheinen lassen, dass der Staat eingreift, wo die Verbände oder Moscheevereine scheinbar versagen? Hier nicht nur von evangelischen Pfarrhäusern zu reden und die quantitative Kinderzahl zum Maßstab zu machen, würde Blumes durchaus differenzierte wie faire Betrachtungen noch glaubwürdiger machen.

Ja, eine zivilgesellschaftlich organisierte Religion, die im Falle des Islams und der Muslime auf Entscheidungsfreiheit setzt, ist eine bleibende Aufgabe, um Religionsfreiheit in Theorie und Praxis wirklich werden zu lassen. Hier die Unterscheidung zwischen Religion, Ethnie, Kultur und vielleicht sogar sozialer Herkunft zu betonen, stimmt nachdenklich. Ja, es braucht eine aktive Bildungs- wie Familienpolitik, die es Frauen, Kinder und junge Erwachsene ermöglicht ihr Leben und auch ihre Religion oder Weltanschauung auszuleben. Ja, eine aktive Lesekultur kann das Festhalten an alten Verschwörungsgeschichten und einseitigen Täter- wie Opfermythen durchbrechen (149). Es ist vielleicht für die nächste Generation der Muslime die Chance, alternative wie andere Geschichten ihrer spannenden wie reichhaltigen Kultur zu erzählen.  Ja, die „Rassisten überschätzen die Biologie“, indem sie diese sakralisieren und die „Demokraten unterschätzen die Kultur“, wenn Integration nur über die Schule gelingen soll. Die praktischen Vorschläge Blumes, wie kritische Schulbuchprojekte, die nicht nur Geschichtsklitterung betreiben, ein nüchterner, jährlicher Moscheereport, der vielleicht gemeinsam mit Moscheverbänden erarbeitet wird und kommunale religionswissenschaftliche Religions- und Weltanschauungsführer über die Vielfalt vor Ort (151), sind sehr zu begrüßen. Das Thema muss nicht den staatlichen Verwaltern, den Extremisten oder Lobbyisten überlassen werden, denn in dieser Krise liegt auch eine Chance. Einmal ist im Besonderen die islamische Religion in ihren Brüchen, Problemen wie Risiken zu betrachten, aber auch im Allgemeinen erscheint das Verhältnis von Religion, Politik und Gesellschaft nicht nur von den bequemen Sesseln institutioneller Selbstgewissheit, oder dem besorgten Protest gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes heraus wahrzunehmen zu sein. Leugnen wir die Krise nicht länger und sagen wir es „durch die Blume“:

Und in aktiver Förderung von Wissen und gelingendem Leben, in gegenseitigem Respekt und friedlichem Wetteifern um das Gute gemeinsam nach den inneren und äußeren Sternen zu greifen – was könnte Muslime, Christen, Juden, Anders- und Nichtglaubende besser verbinden? Leugnen wir die Krisen nicht länger, lösen wir sie! Denn eine lebenswerte Zukunft gewinnen wir nur im Miteinander. (Michael Blume, Islam in der Krise, 154)