Dämonen sind auch nur Menschen? Säkulare Lesarten des Dämonischen.

Mit der alten Formel des Benediktussegens „non dracu sit mihi dux/nicht der Drache sei mein Führer“ und ihrer Erweiterung mit dem Spruch vom „heiligen Kreuz“ werden nach christlich-volksreligiöser Lesart der Teufel und seine Dämonen gebannt. Was auf Benediktusmedaillen und anderen Talismanen heute historische Sammlungen bereichert, war noch vor einigen hundert Jahren ein wichtiges Element in einem Sammelsurium an Schutz- wie Segenstexten, denen realpräsente Wirksamkeit zugesprochen wurde. Selbst im 21. Jahrhundert sind in vielen Kulturen die Vorstellungen von bösen Mächten akut, dabei mehr oder weniger personifiziert, die es entsprechend abzuwehren bis zu bekämpfen gilt. Zumeist werden auf der Grundlage eines moralischen oder religiösen Dualismus lebensfördernde von lebenszerstörenden Phänomene wie Funktionen unterschieden, die dann wiederum als dämonische Wesen oder Mächte tradiert werden. Haben diese oftmals ihren existenziellen Schrecken verloren, finden sie sich doch als Figuren in Filmen, TV-Serien, digitalen wie auch analogen Spielen wieder, indem der Kampf von Gut wie Böse, Licht wie Schatten spielerisch wie erlebbar inszeniert wird.

Der Religionswissenschaftler Gregor Ahn hat eine dualistische Verhältniskonstruktion von „guter Engel – böser Dämon“ als „bipolares Denkraster“ einer „dualistisch geprägten ethisch-religiösen Weltsicht“ beschrieben, auf deren Grundlage schließlich alle Gegenüberstellungen von guten Himmels- wie bösen Höllenmächten beruhen. Dabei spielt vor allem die moralische Unterscheidung von Machtbereichen eine Rolle, die moralische Orientierung ermöglichen und zwischen Einflusssphären Grenzen ziehen (Gregor Ahn, Grenzgängerkonzepte in der Religionsgeschichte, 4-5).

Engel und Dämonen sind damit aus der Sicht eines traditionalistisch orientierten Mainstreams christlicher Theologie Repräsentanten einer streng dualistischen Ethik. Ihnen wird sowohl für das Schicksal von Individuen als auch für den Lauf der Weltereignisse ein zum Teil nicht unerheblicher Einfluss zugemessen. (Gregor ahn, Grenzgängerkonzepte in der Religionsgeschichte, 7).

In antiken, polytheistisch oder oder multimythologischen Kulturen verweisen die dämonischen Diskurse wiederum auf mehrdeutige bis vermittelnde Wesen, Mächte und Hintergründe hin. Bei Hesiod sind die Daimones Mittler und Hüter, welche positive Wirkmacht entfalten, während der vorsokratische Philosoph Empedokles sie wiederum als göttliche Anteile im Menschen ausgibt. Sie erscheinen also den vielgesichtigen Göttern näher zu sein, als irgendwelchen Unheilsgestalten. Ihre moralische Ausrichtung ist folglich noch nicht durch eine Interpretatio Christiana negativiert und bestimmt. Bei Sokrates wird die Eudaimonia sogar zu einem Schlüssel für das gelingende Leben, denn erst wer auf seinen inneren Daimon hört und diesem vertraut kann Erkenntnis über das eigene Schicksal gewinnen. Platon baut diese introspektive Orientierung aus, denn für ihn wird der Daimon als rationale Wirkmacht zum Garant von Tugenden, einer Sicherung der Urwahl der Seele, der den Menschen immer wieder an die göttliche Idee in ihm selbst erinnert, wie auch diese Anteile verkörpert. Entgegen einer christlich-dualistischen Lesart sind diese übermenschlichen Mächte mehr anthropomorphe Daimonen als unmenschliche wie böswillige Dämonen.

Was aufklärerische wie rationalistische Menschen schnell in den Bereich einer überwunden zu scheinenden religiösen oder mythischen Vorstellungswelt verbannen möchten, treibt in in den Sphären der populären Kultur wie auch der phantastischen Literatur weiterhin sein Unwesen. Aus den Klassikern der phantastischen Literatur sind beispielsweise der gespenstische Horla von Guy de Maupassant bekannt, oder die Großen Alten von H.P. Lovecraft, jahrmillionenalte übermächtige Wesenheiten, die sich um menschliche Nöte sorgen, wie wir uns um die der Ameisen. Gemeinsam haben diese Wesen, wenn sie denn als Dämonische bezeichnet werden sollten, dass sie über übermenschliche Mächte verfügen, in das Leben von Menschen eingreifen, aber selbst wiederum relativ unverfügbar sind.

Man glaube auch nur nicht (so hieß es im Text, den Armitage für sich aus dem Lateinischen übersetzte), der Mensch sei der älteste und der letzte der Weltbeherrscher, oder Leben und Substanz könnten aus sich heraus bestehen. Die Alten waren, die Alten sind und die Alten werden sein. Nicht in den Räumen, die uns bekannt sind, sondern zwischen ihnen gehen Sie gelassen und unbeirrt umher, ohne Dimension und für unsere Augen unsichtbar.(H.P. Lovecraft, das Grauen von Dunwich, 266)

Allerdings verlangt eine Lesart der Geschöpfe Lovecrafts als Dämonen sowohl eine Erweiterung der dualistisch-dämonischen Lesarten ins Kosmische, als auch eine Überwindung von einfachen moralischen Lehren, die aus dem Konflikt mit den übermenschlichen Wesen gewonnen werden. Lovecraft selbst verweist in seinem historischen Essay „Literatur der Angst“ darauf, dass belehrende, oder auf soziale wie natürliche Ursachen hinarbeitende Schreckensliteratur niemals den „Dämonen des unergründlichen Weltraums“ gerecht werden kann. Für ihn ist eine Atmosphäre „kosmischer Angst“ entscheidend, die dadurch erzeugt wird, dass Naturgesetze außer Kraft gesetzt und die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft erreicht werden (H.P. Lovecraft, Literatur der Angst, 12).

Ist es somit nicht gerade die übermenschliche Macht, die Daimonen wie Dämonen kennzeichnet und auf die Möglichkeiten ihres Eingreifens in die individuelle wie globale Geschichte verweist? Der Philosoph Herrmann Krings (1913-2004) versucht in seiner „Phänomenologie des Dämonischen“ in der Tradition einer Fundamentalontologie das Dämonische zu bestimmen. Für ihn ist das Dämonische keine metaphysische Wesenheit, oder gar ein reines Hirngespinst, sondern ein beobachtbares Phänomen, welches als fremdes, mächtiges und bezügliches Verhältnis den Menschen von sich selbst entfremdet. Wichtig ist für Krings die Bestimmung des Dämonischen als Verhältnis und nicht als Wesen. Ein Verhältnis, welches den Menschen entfremdet, ihm sich als Macht aufzwingt und Bezug zu seiner ganzen Existenz nimmt, ist demzufolge erst der Dämon (Hermann Krings, das Phänomen des Dämonischen, 245).

Mit dem Dämonischen als säkularer Lesart einer Verhältnisbestimmung drückt sich das fremde, mächtige und bezügliche von kultureller Zuschreibung aus, welches auf die symbolische Funktion verweist, die dem Dämonischen hier zukommt. Es braucht folglich weder eine bestimmte Religion, Weltanschauung oder Ideologie, um eine säkulare Dämonologie zu entwerfen, sondern eine zwischen- wie übermenschliche Verhältnisbestimmung, die sich mit den üblichen Mitteln nicht beschreiben lässt. Dämonen werden somit zu diskursiven Grenzgängern, die zwar immer noch offen sind für traditionell-dualistische wie übermenschlich-mächtige Bestimmungen, aber mehr als kulturelle Konstruktion denn tatsächlich metaphysische Größen verbleiben. Das diese dennoch wirkmächtig sind und gerade säkulare Lesarten des Dämonischen in beispielhaften Bereichen von Existenzphilosophie und Kunst neue Wege gehen, öffnet dämonischen Grenzgängern neue Wege.

Das Dämonische als Lesart existenzieller Philosophie?

Sören Kierkegaard (1813-1855) holt den Dämon aus seiner metaphysischen Spekulation in die existenzphilosophische Daseinsrelation. Das Dämonische wird für ihn die höchste Form der Verzweiflung. Ein Verhältnis und Verhalten, welches wider die Unverfügbarkeit der eigenen Existenz gerichtet ist. Diese Form der Krankheit zum Tode (1849) ist ein trotziges Sich-selbst-Selbst-Wollen. Bewusstsein und Wille wenden sich von den Existenzbedingungen, „Gott“ und den Anderen ab, um die abstrakte Selbstheit als absolutes Verhältnis zu bestimmen.

Aber je mehr Bewußtsein in einem solchen Leidenden ist, der verzweifelt er selbst sein will, desto mehr potenziert sich auch die Verzweiflung und wird das Dämonische (Sören Kierkegaard, Krankheit zum Tode, 105).

Seine Abhandlung über alle irdischen wie menschlichen Formen der Verzweiflung, die sich aus einem vergeblichen Streben der eigenen Existenz nach Existenz auszeichnet, wird ohne die Rückbindung an ein Höchstes, im Falle Kierkegaards einer Aberkennung des Göttlichen, „der Macht, die ihn setzte“, zu einer „dämonischen Raserei“. Auch ohne christlich-theologische Rückbindung ist diese existenzielle Potenzierung der Verzweiflung und ihre Kennzeichnung als dämonisch interessant. Schließlich wird somit die Dämonie von einer äußeren Macht zu einem inneren Verhältnis, das die jeweilige Person selbst setzt. Eine Art von verzweifeltem Existieren wird gepflegt, die sich nicht durch einfaches Leiden am Leben, misslungenen Zielen oder gar einem Versagen erklären lässt. Vielmehr hat eine dämonisch verzweifelte Person vielleicht Alternativen, ist sich dessen bewusst, aber lehnt diese ab und ergeht sich in einer Verzweiflung, die sich gegen das Dasein als solches richtet.

Die dämonische Verzweiflung ist die potenzierteste Form von Verzweiflung, in der er verzweifelt er selbst sein will. In dieser Verzweiflung will er auch nicht in stoischer Vergaffung in sich selbst und in Selbstvergötterung er selbst sein, […] Er meint, indem er sich gegen das ganze Dasein wendet, einen Beweis dagegen geliefert zu haben, gegen seine Güte. (Sören Kierkegaard, die Krankheit zum Tode, 107-108).

Dämonische Existenz ist folglich ein bewusstes, willentliches und trotziges Behaupten, höchste Reflexion und Potenzierung (ideal.-abstraktes Modell) in Abgrenzung wie gegnerischen Zuwendung zu einer vermeintlichen Erlösung. Mittels einer genauen Existenzphilosophie wird somit das Dämonische zu einem Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst, aus dem sich wiederum eine gewisse Haltung zur Welt ergibt. Diese ist bei Kierkegaard wohlgemerkt eine Form, die höchste Form der Verzweiflung und keine genuin moralische oder religiös-dualistische Kategorie.

Eine solche Lesart des Dämonischen bei Sören Kierkegaard kann über ein individuell-existenzphilosophisches Verhältnis auch als soziologisch-kommunikative Variante weiterentwickelt werden. Jan Cattepoel sieht hier in seinem Buch „Dämonie und Gesellschaft“ die Charakterisierung des Dämonischen als kommunikative Verschlossenheit des verzweifelten Einzelnen, welcher sich in einer Idee, gleich welchen Inhalts, durch die „Angst vor dem Guten“oder dem Anderen verschließt. In den sozialen Beziehungen entsteht so mittels dogmatischer Wiederholungen und inhaltsleerer Formeln dämonisches Verhalten. Dieses ist beispielsweise eine Notwendigkeit der Verführung, die mit Angst arbeitet, um größere Möglichkeiten zu Versprechen, aber trotzdem die Verführten an sich bindet und die Selbst-Erkenntnis des Verführten verhindert (Jan Cattepoel, Dämonie und Gesellschaft, 210). Hier ist eine Fülle an religiösen wie politischen Ideologien denkbar, die zum Einsatz kommen, aber mit Blick auf diese Art eines dämonischen Verhältnisses austauschbar sind. Statt wirklicher Beziehungen werden jedoch nur Abhängigkeiten oder eben Verführungen erzeugt, die vor allem durch „gebrochene Dialoge“ entstehen. Es geht nicht um wirkliche, sinnerfüllte wie offene Begegnung, denn ideologische Verführung bis Manipulation finden statt.

Eine dämonische Existenz führt solche „gebrochene Dialoge“, die ein doppeltes (falsches) Versprechen vermitteln. Einmal kann es um formal paradoxe Heilsangebote gehen, denn es werden absolute Gewissheit, Erkenntnis oder gar Erlösungen zugesagt, die uneindeutig bleiben. Zweitens  sind sie empirisch widersprüchlich, da Irreales versprochen wird. Von einem normalen Dialog kann nicht die Rede sein, denn Dämonische führen keine persönlichen Gespräche, da sie Dinge versprechen müssen, die sie nicht halten werden und Zielsetzungen von Verführung verfolgen, die durchaus auch in der Verführung um der Verführung willen gipfeln können. Es geht um Bindung und Beherrschung des Gegenübers, denn ein wirklicher Austausch würde eine Existenz voraussetzen, der es um ihre eigene Existenz wie die des anderen geht, und keine kierkegaard’sche Behauptung der dämonischen Existenz (Jan Cattepoel, Dämonie und Gesellschaft, 219).

Die existenzphilosophischen Dämonen können viele Formen annehmen, sei es nun als politische Ideologen, wirtschaftliche Verkäufer, religiöse Missionare, rettende Therapeuten oder andere Gestalten in säkularen Gesellschaften, deren Techniken gebrochene Dialoge sind und die individuelle wie soziale Beziehungen machtbezogen, verfremdend und existenziell beeinflussen. Ohne gleich den klassischen Dualismus in neue Form gießen zu wollen, könnten diese säkularen Lesarten sowohl als leitende wie schaffende Daimonen als auch Dämonen gleichermaßen beschrieben werden, wenn gewisse wirkmächtige wie grenzgängerische Aspekte nicht verloren gehen. Schließlich lebt das Dämonische durchaus von einem gewissen diskursiven Bedeutungsfeld, welches sich erst durch philosophische, oder eben künstlerische Betrachtungen erweitert.  Gerade in einem Feld, welches wie kein anderes die Gemüter bewegt, aber ebenso hinsichtlich Vermarktung, Moden und gewissen großen Alten einen Fundus an Artefakten umfasst, bleibt Raum für Dämonisches: in der Kunst.

 Das Dämonische als Lesart der Kunst?

Azrael by Wrubel

Was hat es innerhalb der Kunst für einen Sinn vom „Dämon“ zu sprechen, wenn er nicht als Motiv oder Selbstthematisierung aufgegriffen wird? Ist das Dämonische eine analytische Größe, um über das Verhältnis zwischen Künstler und Kunst zu philosophieren? Inwieweit trägt eine Phänomenologie des Dämonischen dazu bei, das Gespräch über diese Verhältnisse nicht zu einem spekulativen „Exorzismus“ zu führen, sondern zu Aussagen, welche Grenzen und Möglichkeiten des Dämonischen in der Kunst aufzeigen?

Mit Frederico Garcia Lorca (1898-1936) gesprochen, ist eine Antwort schnell gegeben, denn der „Geist der Erde“ ist als geheimnisvolle Kraft etwas, was schon J.W. von Goethe als Macht definierte, die kein Philosoph erklären kann. Lorca zitiert in „Theorie und Spiel mit dem Dämon“ verschiedene Künstlerkollegen und weist das Dämonische als mächtige Wirkkraft auf, die sich jedoch einer philosophischen Reflexion entzieht (Frederico Garcia Lorca, Bilder und Texte, 10-11).

Insofern entzieht sich das Dämonische der Philosophie und ist wohl nur dem künstlerischen, dem schöpferischen Akteur zugänglich, wenn Stefan Zweig (1881-1942) das Dämonische als eine Art Urkraft des künstlerischen Genies ausweist, was nur dargestellt, aber sonst nicht erfasst werden kann. Zweigs Dämon besteht aus einer stilisierten Analyse der Mischungen von Ur- wie Eigenkräften großer Künstler und Denker. Er schwankt dabei zwischen Naturmacht und Geisteskraft, der Dämon verbleibt als Nahtstelle, die eben nicht per se analysierbar oder gar als pathologisches Moment zu beschreiben ist (Karl Müller, Stefan Zweig und das Dämonische, 15).

Der „Kampf mit dem Dämon“ wird bei Zweig zu einem wichtigen „Mischungsverhältnis“, was die Fülle der Existenz in der Auseinandersetzung mit Natur, Leben und Tod sowie der eigenen Identität des Künstlers oder eben Genies ausmacht. Neben der Polarität von Schöpfung wie Zerstörung, vermittelt das Dämonische demnach auch eine Art Identität, einen Behauptungsprozess gegenüber einer fremden Macht, die jedoch die eigene Produktivität vorantreibt. Der dämonische Künstler ist in dem Sinne ein tragischer Held, der sich über soziale und alltägliche Zwänge erhebt. Er ist gleichsam Getriebener wie Antreiber eines Prozesses, der die Dämonie in ein positiv-produktives Licht rückt (Karl Müller, Stefan Zweig und das Dämonische, 30). Diese positive wenn auch durchaus tragische Reflexion über das Dämonische vermittelt jenseits des nüchternen Entzuges eine gewisse analytische Funktion des Dämonischen, wenn es darum geht das Unsagbare des künstlerischen Schaffens in eine Darstellbarkeit zu bringen.

Das Dämonische begegnet dem Künstler als „doppelte Dialektik“, denn er hat sich ihm auszuliefern, sich also dem Schaffensprozess hinzugeben, der ihm mächtig, fremd und bezüglich entgegen tritt, aber er hat sich in ihm nicht zu verlieren. Gleich einem Raubtierdompteur hat er auf dem Tiger zu reiten, sollte sich jedoch nicht mit dem Tiger identifizieren und wieder absteigen können. Hermann Krings spricht hier von einem „Standhalten“, das wieder zwischen Form und Inhalt zu trennen vermag (Herrmann Krings, das Phänomen des Dämonischen, 253). Dieses Verhältnis des Künstlers zur Kunst ist demnach zwar ein Dämonisches, aber in dem Sinne einer ausgezeichneten Reflexion, eines Vermögens, welches zwar Form und Inhalt des Phänomens des Dämonischen durchaus besitzt, jedoch nicht völlig davon in Besitz genommen wird. Der Künstler wird demnach zum „Grenzgänger“, der zwar mit Hilfe einer besonderen Schöpfung der Einheit von Inhalt und Form im Werk über die Grenzen des bisherigen oder des Übrigen hinausgeht, diese dämonische Einheit jedoch wieder auflösen muss, denn eine Form ohne Inhalt wäre ebenso verfehlt, wie eine Form, die keinerlei Inhalt ausweisen kann.

Diese Überlegungen hinsichtlich des Dämonischen der Kunst sind in dem Sinne nicht allein phänomenologisch, wenn innerhalb der kulturwissenschaftlichen Religionswissenschaft schon Grenzgängerkonzepte gegenüber den dualistischen geprägten, aus den jüdisch-christlichen Kontexten stammende Dämonenbegriffe Beachtung finden. Die von Gregor Ahn als kulturelle Konstruktionen ausgewiesenen Konzepte, würdem somit einer kulturellen Spurensuche sowie der Überwindung moralischer Dualismen dienen.

Innerhalb der Perspektive solcher Entwicklungen verabschieden säkulare Lesarten des Dämonischen hier eine einfache Ursache/Wirkungs-Linearität und entlassen das schöpferische Verhältnis von Künstler und Kunst in ein dämonisches Feld kultureller Konstruktion. Der Dämon in seiner symbolischen Funktion ist der Ausdruck eines Begehrens des Künstlers, welches über die Form und den Inhalt des Kunstwerkes eine Einheit herstellen will, um einen „Mangel an Sein“ zu überwinden. Im Verhältnis drückt sich eine Sprache des Begehrens aus, die sich sowohl der tragischen Note des Mangels, aber auch der Möglichkeit der imaginären Kraft bewusst ist, welche schließlich zum Grenzgang des künstlerischen Schaffens führt und in symbolischer Form ausdrückt, was das Dämonische schließlich vermittelt: Das wirkmächtige, grenzgängerische und existenziell bezügliche der Kunst kann sich selbst daimonisch oder dämonisch entfalten.

Eine reine, dem Künstler innewohnende Kraft würde die Beobachtung des Sujets, den Werkprozess außer acht lassen, während eine reine Metaphysik der Produktivität kein Verhältnis zwischen Künstler und Kunst zulassen würde. Eine säkulare Lesart jenes Fremden, Mächtigen und Bezüglichen ermöglicht etwas auszudrücken, was sich sonst im Sinne der zweig’schen Analyse nur am künstlerischen Genie selbst darstellen ließe und immer noch dunkel bleiben müsste. Unter Berücksichtigung individueller wie sozialer Verhältnisse, die ebenfalls als dämonische Verhältnisse bestehen könnten, nimmt die künstlerische Beziehung wiederum einen Platz ein, der vorzüglich als dämonisch beschrieben werden kann, indem auf klassisch-dualistische Konzepte zurückgegriffen wird, diese jedoch im Sinne einer existenzphilosophischen Dämonie umgedeutet und für die ästhetische Praxis der Kunst zugeeignet werden. Hierbei fällt ins Gewicht, dass in der Kunst das Dämonische nicht negativ und manipulativ verbleiben muss. Vielmehr werden Bedeutungen des Daimonischen, des lenkenden, leitenden wie zur Erfüllung bringenden Selbst-Verhältnisses wiederbelebt. Dies mit allen Chancen wie dämonischen Risiken? Die Möglichkeiten und Grenzen des Dämonischen im Verhältnis zur Kunst wären in säkularer Lesart gleich der Zuordnung der Aufgaben für Mephistopheles in Goethes Faust: „Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel, schaffen.“

Literatur

  • Ahn, Gregor: „Grenzgängerkonzepte in der Religionsgeschichte“, in: Ders. Und Manfred Dietrich (Hg.): Engel und Dämonen. Theologische, Anthropologische und Religionsgeschichtliche Aspekte des Guten und Bösen, Münster 1997, 1-49.
  • Cattepoel, Jan: Dämonie und Gesellschaft. Sören Kierkegaard als Sozialkritiker und Kommunikationstheoretiker, in: Günther Bien u.A. (Hg.) Alber Reihe Praktische Philosophie, Bd. 41, 1992.
  • Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Eine Tragödie, in: Albrecht Schöne (Hg.): Goethe. Faust, Bd. 1, Frankfurt 2005.
  • Kierkegaard, Sören: „Die Krankheit zum Tode“, in ders.: Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst, 2007², 22-177 [1849].
  • Krings, Herrmann: „Das Phänomen des Dämonischen. Ein Exkurs über die radikalste Form des Verlustes der Lauterkeit“, in: Ders.: Fragen und Aufgaben der Ontologie, Tübingen 1954.
  • Lovecraft, H.P.: Das Grauen von Dunwich, in ders.: Der Schatten aus der Zeit. Geschichten kosmischen Grauens aus dem Cthulhu-Mythos [The Dunwich Horror], Frankfurt 1982 [1929], 244-309.
  • Lovecraft, H.P.: Die Literatur der Angst, Frankfurt 2012³.
  • Müller, Karl: Das Dämonische „innen im Kreise der Natur“: Stefan Zweigs Reflexionen über das Künstlertum, in: Birk, Matja und Eicher, Thomas (Hg.): Stefan Zweig und das Dämonische, Würzburg 2008, 12-36.
  • Ramirez, Pedro und andere (Hg.): Frederico Garcia Lorca. Bilder und Texte, Frankfurt 1986.

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