Fragen und Antworten eines „Säkularen“: Säkularität als Lebensform?

Für viele ist Säkularität erst einmal kein Begriff. Der Verdacht drängt sich auf, erst einmal über historische oder fachliche Vorkenntnisse verfügen zu müssen. Vielleicht ist es das Gegenteil von Religion, oder bedeutet eine Gesellschaft ohne Religion? Hat es mit einer politischen oder juristischen Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse zu tun? Ist damit die sozialwissenschaftliche Säkularisierung gemeint? Oder gar eine religionsfeindliche Ideologie, mit der oft Säkularismus in Verbindung gebracht wird? Für mich ist Säkularität als solche nicht nur ein wissenschaftlicher oder politischer Begriff. Es beschreibt auch eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der eigenen Orientierung. Ich verstehe mich als Säkularer, als Befürworter und Streiter für Säkularität, was noch nicht meine genuin religiös-weltanschauliche Orientierung wiedergibt, die ich vielleicht mit säkularem Polyagnodeismus mit buddhistischem Einschlag annähernd umschreiben könnte, aber meine Lebensform, oder die von mir angestrebte Lebensform gut repräsentiert. Es geht um die Art und Weise, das menschliche Zusammenleben Verstehen und Gestalten zu wollen, das sich nicht auf eine religiöse oder weltanschauliche Lebensform reduzieren lässt. Dies nicht allein in Eingrenzung auf eine politische oder parteipolitische Orientierung, denn dies ist für mich der Bereich der Lösung praktischer Probleme, die über weltanschauliche Orientierung weit hinausgehen, oder diese beschränken, je nach Perspektive. Säkularität ist für mich eine wichtige Grundorientierung, eine Art Freiheitsprinzip oder besser noch eine Metaphilosophie, die mein Denken und Handeln bestimmt. Diese säkulare Lebensform, die ich verwirklichen möchte, ist für mich ein wichtiger Bestandteil einer offenen Gesellschaft, deren Menschen von den verschiedensten Dingen überzeugt sind. Folgende Fragen und Antworten sollen einen ersten Einblick in das geben, was ich Säkularität als Lebensform nenne.

Was heißt es, sich als „Säkularer“ zu verstehen, „säkular“ zu sein?

Es gibt ein breites Spektrum an Begriffen wie „Säkularisierung“, „Säkularismus“, „säkularer Ethik“ und die Konfusion setzt dann ein, wenn man nach einer schnellen Definition oder gar Erklärungs- bis Verhaltensmustern von Säkularen verlangt. Festzuhalten sind ein paar grundsätzliche Beobachtungen, die Säkularität einen Rahmen geben und als Säkularität konstituieren: 1) Menschen haben verschiedene Religionen und Weltanschauungen, 2) jede dieser ist nur eine Deutung bis Be-Deutung und 3) unter anderen. Diese säkulare Grundeinsicht, dass niemand über die absolute Weltanschauung verfügt, oder es gar nur eine geben kann, oder einmal geben wird, führt schnell zu Fragen eines friedlichen Zusammenlebens dieser vielen Orientierungen. Es geht um die Frage religiös-weltanschaulicher Koexistenz bis Kooperation. Nun kann man sich streiten, was zuerst kommt, plurale Gesellschaften, oder plurale Orientierungen. Für Säkulare ist wichtig, dass diese Vielfalt der Orientierungen Fakt ist und alle Versuche, Menschen unter eine Weltanschauung zu pressen, vergeblich sind. Wir leben zwar alle (noch) unter einer Sonne, aber sie scheint für alle verschieden. Deshalb setzen Säkulare auf die Religions- und Weltanschauungsfreiheit, wollen gleichberechtigte Verhältnisse und einen sozialen Rahmen für Kooperation ermöglichen. Sie sind plurale Individualisten und individuelle Pluralisten zugleich. Eine Herausbildung aus regulativen Einheitsmythen, also für alle in gleicher Hinsicht homogenen Weltanschauung, hin zu komplexen Gesellschaften ist deshalb für Säkulare absolut begrüßenswert. Völlig gleich, ob das manche für einen stimmigen Entwicklungsprozess, oder einen bedingten Sonderfall halten.

By J. S. Ellis [Public domain or CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
Das klingt kompliziert, wenn Säkulare hier auf soziale Verhältnisse schauen. Haben sie keine Grundprinzipien, oder welche Vorstellungen prägen die Säkularität?

Grundprinzipien sind für Säkulare, da sie die Vielfalt menschlicher Erfahrungen und Vorstellungen voraussetzen, die Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und eine gewisse Möglichkeit zur solidarischen Kooperation. Erst die individuelle Freiheit zu glauben, an was man glaubt, egal ob an ausformulierte bis tradierte Religionen, oder ausgefeilte Weltbilder, ermöglicht es sich zu orientieren und mit wie aus Überzeugung zu handeln. Dabei ist es durchaus möglich, auch von dieser Freiheit keinen Gebrauch zu machen, also keiner Religion wie Weltanschauung anzugehören und natürlich diese auch wechseln zu können. Das Menschen dies können und praktizieren, davon sind Säkulare überzeugt. Außerdem wollen sie, dass keine Vorstellungen und Praktiken im allgemeinen privilegiert oder diskriminiert werden, denn die Spielregeln am zivilgesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sollten für alle möglichst gleich sein. Das schließt gesetzliche Bestimmungen, die hier regulierend eingreifen nicht aus, aber bezieht Ausnahmen und das ständige Aushandeln von neuen Rechten wie Pflichten mit ein. Es gilt diese so säkular wie möglich zu gestalten. Dies nicht nur aus einem hehren Menschenbild heraus, sondern durchaus der Überzeugung, dass gesellschaftliche Kooperation gelingen muss. Dabei steht mehr das gemeinsame Handeln im Vordergrund, als die Motive, die zu diesem Handeln führen. Ob ich anderen Menschen mit Respekt und Achtung gegenübertrete, weil dies christlich, buddhistisch, islamisch oder humanistisch ist, spielt keine Rolle.

Bedeutet sich als „säkular“ zu verstehen gegen Religionen zu sein, oder bestimmte Formen von transzendenten Wesenheiten oder übernatürlichen Existenzen abzulehnen?

Für Jemanden aus einem säkularen Spektrum ist es unter individuellen Gesichtspunkten erst einmal unerheblich, woran Jemand glaubt, oder ob. Religionen, oder sich als solche zu verstehende Traditionen und Symbolsysteme, haben ihre unbezweifelbare Berechtigung, wenn es darum geht dem einzelnen Menschen Sinn und Orientierung zu bieten. Ob Jesus, Buddha, Engel oder Einhörner, die Fülle an privaten wie individuellen Vorstellungen und Weltbildern, kann weder eingeschränkt, noch abschließend bewertet werden. Säkulare sind nicht grundsätzlich für oder gegen bestimmte Religionen oder Weltanschauungen ausgerichtet, sondern stehen jeglichen absolut normativen Weltbildern kritisch gegenüber, weil diese oft andere ausschließen, oder ausschließliche Gültigkeit einfordern. Sie bekämpfen vor allem eine „Religion der Macht“, die versucht politische Privilegien oder eine dominante Stellung im Staat einzunehmen. Für Säkulare ist schließlich eine gewisse Vielfalt an Orientierungen Trumpf, denn sie ermöglicht sowohl eine gewisse Freiheit der Wahl, also auch das Hinterfragen von bestehenden Formen, was wiederum die Alleinherrschaft einer Religion oder Weltanschauung verhindert. Dies erhält eine Offenheit gegenüber dem Leben als Prozess, denn Orientierungen können sich im Laufe des Lebens ändern. In der Kindheit Kommunist, als Jugendlicher Baptist und im hohen Alter Buddhist, warum nicht?

Heißt das, dass Säkulare für ein „anything goes“ eintreten, also eine Art völlige Beliebigkeit der Religionen und Weltanschauungen, was zudem Be-Wertungen unmöglich erscheinen lässt?

Höchstens in einem Verständnis von Privatheit sowie Individualität, denn was die zivilgesellschaftliche oder gar politisch-staatliche Öffentlichkeit anbelangt, müssen Kriterien für den kritischen Dialog gefunden werden und bestehen bleiben. Säkulare setzen hier, schon grundsätzlich, auf einen Dialog, der im Rahmen einer gewissen sozialen Realität stattfindet. Das setzt nicht unbedingt eine zwingende, starre philosophische Rationalität oder diskursive Vernunft voraus, wie sie vor allem nach Lesarten von Jürgen Habermas formuliert wurde, sondern vor allem eine gegenseitig verständliche Sprache, eine Möglichkeit des Gemeinsamen Verstehens, wie auch die Anerkennung von Unterschieden und von gesellschaftlichen Veränderungen, einer Vorläufigkeit der bestehenden Verhältnisse. Dies müssen alle Teilnehmenden am sozialen Dialog mindestens tolerieren, besser noch akzeptieren. Schließlich können sich bestehende Verhältnisse in einem säkularen Rahmen auch ändern, was sich aber nicht ändern sollte, ist die Bereitschaft zum Dialog. Diese Dialogethik oder „Ethik des Dialogs“, nach Charles Taylor, verlangt nach einem gewissen Vorrang eines dialogischen Verstehens, wie auch nach der Wahrnehmung sozialer Fakten, von Missverständnissen und Differenzen, um in einem säkularen Rahmen als Religion und Weltanschauung Positionen beziehen zu können. Würde sich nur in einer Geheimsprache verständigt, nur Vorwürfe und Forderungen erhoben, oder die eigenen Mythen erzählt werden, wäre ein Dialog völlig ausgeschlossen. Das gilt auch für alle Fachsprachen sowie Propaganda gleichermaßen. Frei nach Hölderlin würde ein Säkularer von jedem fordern: Komm! ins Offene, Freund!

Kann Säkularität folglich als politisches oder philosophische Programm verstanden werden, um in Gesellschaften mit pluralen Orientierungen Zusammenhalt zu organisieren?

Ja, was jedoch vom Engagement wie Verständnis der aktiven Säkularen abhängig ist, denn so gesehen ist Säkularität als Lebensform mehr eine Art Meta-Politik oder ein Meta-Philosophie, als ein einfaches politisches wie philosophisches Programm. Voraussetzungen sind, wie schon gesagt, eine Art von pluraler Gesellschaft mit individuellen Freiheiten und einem gewissen Maß an solidarisch zu organisierendem Zusammenleben. Höhleneremiten, Ein-Mensch-Gesellschaften oder sehr kleine Lebensgemeinschaften brauchen sich über etwas wie Säkularität gar keine weiterführenden Gedanken zu machen. Entweder leben sie automatisch ein säkulares Verständnis, weil es keinen anderen gibt, jeder die Orientierung des anderen mitträgt, oder sie folgen alle einer homogenen Weltanschauung, oder haben gar keine. Dies alles sehr idealiter gedacht. In entsprechend pluralen Gesellschaften wiederum, können sich Säkulare sehr wohl unterschiedlich verstehen, denn die Wirkungsbereiche sind ausdifferenziert und folgen anderen systemischen Bedingungen. Wer mehr im Politischen wirkt, wird sich eher für ein säkulares Gleichgewicht an politischen Rechten wie Pflichten für Religionen und Weltanschauungen und deren Trennung von der „Politik der Macht“ einsetzen. Politische Säkularität ist auf eine offene Zukunft hin ausgerichtet und kann verschiedene Missstände anprangern, wenn beispielsweise die politischen Institutionen nicht genügen, oder neue religiöse Bewegungen, oder konfessionslose Mehrheiten die bisherigen Rahmenbedingungen herausfordern. Philosophisch entwickeln Säkulare Formen von kritischer Argumentation bis Auseinandersetzung weiter, haben einen klaren Fokus auf Erkenntnisse aus der Wissenschaft und wohl auch dem kritischen Denken. Es sind Aufklärer, mit Sinn für die Aufklärung der Aufklärung. Der wichtigste Unterschied ist: Im Blick stehen die Überzeugungen der Menschen, die in erster Linie nach einem säkularen Ordnungsrahmen verlangen. Dann kann es auch säkulare Christen, Buddhisten, Muslime, Humanisten, Liberale, Sozialdemokraten und Sonstige geben.

Inwieweit bezieht ein säkularer Ordnungsrahmen eher traditionelle oder grundsätzlich religiöse Formen mit ein?

Unter Säkularitätsbedingungen ist formal auch die fundamentalste, menschenfeindlichste Form von Religion möglich, insofern sie in abgeschlossenen Räumen, ohne anderen Menschen Leid wie Schaden zuzufügen stattfindet. Was allein in der „stillen Kammer“ passiert, bleibt dort. Da dies jedoch auf keine fundamentalistische Religion oder Weltanschauung zutreffen dürfte, denn diese wollen per Defitinion den Menschen total oder totalitär in Anspruch nehmen, haben diese eher schlechte Karten. Totalitäre Religionen oder Weltanschauungen sind völlig unsäkular und werden von Säkularen als solche vehement abgelehnt, da sie die Freiheit, Vielfalt oder gar beides ad absurdum führen. Säkulare Formen von Religion sprechen vor allem weitestgehend freie, sich selbst ein Weltbild machende Individuen an. Sie wissen, dass sie für diese nur eine Deutung unter anderen sein können, dies aber mit aller Überzeugung. Rituale, Gemeinschaft, Mythen, Geschichten und ein buntes Allerlei an zivilgesellschaftlich aktiven Religionen und Weltanschauungen hat unter dem Dach der Säkularität seinen Platz. Wer seine Religion oder Weltanschauung als werbende, mit guten Gründen, Gefühlen wie auch einem Mindestmaß an Toleranz bis Akzeptanz versehene versteht, kann sich getrost säkular nennen. Das mit, ohne oder wechselnder Religion. Dabei gibt zwar eine leichte Tendenz zu reformierten, neuen, wie auch sich noch erst entwickelten Formen, aber dies kann auch ein Wiederbeleben von vergangenen Formen wie eine Art Re-Traditionalisierung bedeuten. Hauptsache, die säkulare Grundprinzipien und Spielregeln bleiben bestehen.

Wie wichtig ist Säkularität für die Gesellschaft, oder sollten sich mehr Menschen für säkulare Verhältnisse einsetzen?

Säkularität ist in all ihren Facetten weder ein selbstverständlicher sozialer Zustand, noch eine Art aus sich selbst heraus entwickelnder Vorgang. Wie es der Rechtswissenschaftler Horst Dreier für den säkularen Verfassungsstaat ausgedrückt hat: Säkularität ist nicht selbstverständlich. Oder der Philosoph Charles Taylor für die Religion: Religion als Problem, Religion als Lösung? Das ist zu einfach gedacht. So gesehen ist Säkularität für sich erst mit ihren Grundprinzipien das, was sie ausmacht, ein Orientierungsrahmen für politisches, soziales, ja sogar religiöses Handeln, denn erst frei, gleichberechtigt und solidarisch kann es ein Neben- bis Miteinander von Religionen und Weltanschauungen geben. Jede und Jeder, der auch Freude an gepflegtem Streit um die Wahrheit, oder die verschiedenen moralischen Orientierungen hat, wird sich als Säkulare und Säkularer zu erkennen geben, wenn die Grundregeln des Zusammenlebens bedroht sind. Insofern ist säkulares Engagement gefragt, wenn es auch darum geht diesen Orientierungsrahmen als wichtiges Gut und Verhältnismodell zu unterstützen. Dafür hat Michael Schmidt-Salomon aus Sicht eines humanistischen Säkularismus die „Grenzen der Toleranz“ schon abgesteckt. Dabei spielt es keine Rolle, ob nun ein klares begriffliches Vokabular vorhanden ist, ein bestimmtes politisches Programm vorliegt oder ein Höchstmaß an säkularen Verhältnissen erreicht ist. Säkularität als Lebensform ist anfällig für Konflikte, setzt gewisse Konflikte sogar voraus und ist als solches „Konfliktmanagement“ auch eine Art Frühwarnsystematik für den Zusammenhalt wie die Kooperationsfähigkeit von Gesellschaften. Egal welche individuellen Lebensziele der Einzelne auch verfolgen mag, oder auf welche Art und Weise Engagement möglich ist, ohne den Einsatz für Säkularität könnten Freiheit, Gleichberechtigung und Solidarität verloren gehen.